Dienstag, 11. September 2012

Aber man muss doch helfen!!!!!

Der Titel dieses Beitrages ist ein Satz, den man oft hört. Von Angehörigen, Freunden, Unterstützern und solchen, die einfach betroffen reagieren, wenn jemand die Diagnose MS bekommt.

Am liebsten würde man Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Sofort, auf der Stelle, in derselben Sekunde und lieber vorgestern als heute.

Dass man damit einem Betroffenen, der sich direkt mit der Diagnose erst einmal abfinden muss, eher nichts Gutes tut, ahnen viele der oft wohlmeinenden Menschen nicht wirklich. Sie wollen nur helfen, etwas gegen die doch nicht mehr verschiebbare Diagnose tun.

Ich kanns mittlerweile verstehen ... damals aber ... ... damals aber war ich am Rande der Verzweiflung. Ich wusste ja selbst nichts über MS und das Leben damit. Dass man damit ganz gut leben kann, fand ich erst im Laufe der Zeit heraus und war gerade in den ersten Monaten nach der Diagnose im Inneren mindestens genauso, wenn nicht mehr panisch als der Rest meiner Umwelt.

Manchmal fühlte ich mich sogar verfolgt, kam ich mir vor wie ein Tier im Zoo. Oder wie ein Mitglied dieser Kuriositätenkabinette wie es sie früher auf den Jahrmärkten gab. Die Frau mit Schwimmflosse oder eine Dame, deren Körper nur im Glaskasten überlebt oder so. Jeder schien mich anzustarren, ständig auf der Suche nach einem Punkt, der ein Hinweis auf Selbstmord (der sowieso nie in Frage kam) oder sonstige Dinge, die ich mir antun könnte.

Klar war ich traurig, besonders fröhlich sah ich wohl nicht aus. Es brauchte seine Zeit, um die Nachricht zu verdauen und wieder in eine Art Alltag zurückzukehren, der damals in den ersten Wochen nur daraus bestand, dass ich mit dem Herzblatt am Morgen aufstand, meinen Haushalt machte, Mittagessen zubereitete und am Nachmittag meine kostbare Zeit, der Konzentration dafür verwandte, um über MS zu recherchieren. Das ging einige Zeit so. Zu mehr hatte ich einfach nicht die Kraft. Ich lebte quasi in seinem Lebenszyklus erst einmal weiter, bis ich meinen wieder selbst gestalten wollte und konnte.

Ganz allmählich erwachten meine Überlebensgeister und mein Optimismus wieder zum Leben. Wir, also Herzblatt (übrigens der einzige Mensch, der mich eher unauffällig im Auge behielt, mich unterstützte und nicht bedrängte, sondern mich so nahm, wie ich war) und ich nahmen uns Zeit zu verdauen und zwar in unserem Tempo. Eines, das für den einen oder anderen Zeitgenossen in meiner Umgebung definitiv zu langsam war. Es gab immer wieder Menschen, die mich drängten, endlich was zu tun. Es waren  Menschen, die nicht viel über MS wussten, aber der Meinung waren, ich müsse etwas tun oder sie müssten etwas tun. Was? Das wussten die auch nicht. :-) Und es gab so manchem, dem ich zunächst vertraute und dadurch auch in Situationen rutschte, die ich gerne später, in einem etwas gefestigteren Zustand erlebt hätte. Ich hab sie aber überlebt :-)) wenngleich es schon mehr Kraft kostete, als dafür vorgesehen war.

Der Prozess lief gute drei Monate, danach war ich nicht mehr ich, sondern eine etwas andere Birgit. Eine, die ich immer noch mochte und von der ich nun erfahren hatte, dass sie überleben kann, ihren Optimismus wieder findet und eine, der klar war, was sie wollte. Ich begann langsam meinen Weg zurück ins Leben zu gehen und versuchte Stück für Stück Leben und Arbeiten mit MS in eine Art Gleichklang zu bringen. Denn, wie schon oft gesagt, der für mich reservierte Sitz in der Sofakuhle neben Fräulein Trulla ist für einige Tage ganz nett, aber für immer? Niemals. :-)

Als ich vor kurzer Zeit die Frage bekam, ob ich einen "Neuling" "beraten" würde, erinnerte ich mich daran. Ich hätte am Anfang nie gewollt, dass mir jemand auf den Pelz rückt und mich wohlwollend in der Kunst des Lebens mit MS belehrt und mir ständig erklärt, dass alles gut gehen kann. Wahrscheinlich hätte ich dem wütend die Türe vor der Nase zugeknallt und ihm gesagt, dass er mich ganz peripher tangieren dürfe. ;-) Ich wäre nie in der psychischen Verfassung gewesen, mir anzuhören, wie es sein könnte, noch hätte ich es gewollt. Genauso wenig wie die ständigen Beobachtungsattacken in Sachen "Ich muss doch helfen".

Helfen ist gut uns schön und immer eine tolle Sache, denn ohne Unterstützung kann keiner leben. Aber die Hilfe muss zum richtigen Zeitpunkt kommen. Manchmal ist man zunächst dazu verdonnert, ruhig zu bleiben, nicht einzuschreiten und die Situation zu beobachten. Und ja, es fällt einem unendlich schwer. Gerade geht es mir in einer anderen Situation ähnlich, aber man sollte das aushalten. Denn wie soll einer sagen, was er braucht, wenn er noch mittendrin im Verdauungsprozeß steckt und selbst noch keinen klaren Gedanken darüber fassen konnte, was er jetzt möchte, denken soll oder denkt oder fühlt.

Es ist tatsächlich die Zeit, die nach einer Diagnose den Raum schafft, dass jemand einen Schritt zurück ins Leben macht und dieser Zeitraum ist bei jedem anders. Die einen sind schneller, die anderen verweilen länger. Es sollte in Ordnung sein, wenn sich jemand klar zum Zeitraum bekennt und um Ruhe bittet. Und in der Zeit sollte man die Betroffenen nicht überschütten, sondern abwarten, ihnen eine Tür öffnen und sie selbst entscheiden lassen, ob sie bereit sind, über die Schwelle zu treten oder nicht.

Übrigens, wenn dieser Zeitraum zu lange erscheint, kann man immer noch Ärzte oder Psychologen als neutrale Instanz befragen oder sich an anderer Stelle kundig machen ... es gibt viele Stellen, die dann tatsächlich unterstützen können.

Nachdenklich

Birgit

 

Kommentare:

  1. Liebe Birgit,

    es ist nicht immer leicht, als Helfender die richtigen Worte zu finden. Noch schwerer, die stummen Signale des Hilfesuchenden zu bemerken.

    Und es ist genau so schwierig als Kranker. Mal fühlt man sich erdrückt, mal auf dem Abstellgleis (ach, sie bekommt ja jetzt Tabletten und soll sich mal schonen). Mal will man nicht nerven mit den neuen Untersuchungsergebnissen. Und mal könnte man einfach nur heulen, und niemand ist da der tröstet.

    Fühl dich gedrückt liebe Birgit!

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  2. Liebe Andrea,

    ich glaube, auf beiden Seiten ist die Lage nicht so wirklich einfach. Jeder steht da vor einem Problem, das eigentlich eint und doch trennt. Der eine hats, der andere ist quasi Zuschauer ... Beiden fehlt der Umgang mit der Situation an sich ... ich bin aber der Meinung, dass übertriebener Aktionismus auch nichts wirklich bringt, sondern dass in vielen, nicht in allen, Fällen, die Zeit durchaus positiv wirken kann und ein wenig Ruhe durchaus Offenheit für Aktionen schaffen kann ....

    Ich drück dich auch!
    Birgit

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  3. Ich denke, es ist schwierig....man will ja was tun - es geht doch um einem Menschen, den man echt und wirklich mag...

    Meine Freundin und ich sind ja gleich alt. Und irgendwie dachte ich mir (glaub ich) das was ich rauskriege - das kann sie erst recht rauskriegen. Sie hat auch Internet, nen Arzt (sogar nen ziemlich guten). Ich hab sie einfach nicht mehr zugeschissen mit Infos, die sie weder wollte noch brauchte. Ich selbst hab mich eingelesen - damit ich weiß, um was es geht. Damit ich auch damit klarkommen, wenn ich manchmal Wochen nichts von ihr höre.

    Sie sagt auch ab und an mal, daß ich einer der wenigen Menschen bin, der sie einfach so nimmt, wie sie ist. Vielleicht ist das am besten. Ich bin einfach nur so pragmatisch, wie ich es schon immer war - und weigere mich davon abgesehen, schon Dramen zu veranstalten, bevor der Vorhang aufgegangen ist.

    Soweit ich weiß, gehts im Moment gut - mal besser - mal schlechter. Und wenn sie mich braucht, wird sie es sagen - und wenn sie nichts sagt, will sie das auch so. Wir sind seit 35 Jahren befreundet - davon gehe ich einfach aus.

    Was sie nicht mehr gut abkann, sind größere Menschenansammlungen - deswegen nimmt sie keine Partyeinladungen mehr an - macht aber nichts, meist kommt sie am Tag vorher vorbei auf einen Ratsch.... geht auch.

    Ich seh da jedenfalls noch weitere 35 Jahre....

    Mir würde es aber auch auf den Keks gehen, wenn jeder glaubt, das ultimative Mittel, die Lösung oder sonstwas zu haben.

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