Sonntag, 4. Oktober 2026

Bin ich denn ein Kiosk?

Bevor es losgeht: Hört Euch „Kiosk“ von Rumpelstilz an. Das Schweizer Original. Mundart. 1976.

Falls Euer Schweizerdeutsch etwas eingerostet ist: Polo Hofer fragt sich darin zunehmend genervt, ob er eigentlich ein Kiosk, eine Bank, ein Hotel oder ein Kassenschrank sei.

Mit anderen Worten: Warum glauben eigentlich alle, bei mir etwas abholen zu können?

Kommt Euch bekannt vor?

Mir inzwischen schon.


Bild mit KI erstellt

Bin ich denn ein Kiosk?

Wer sich engagiert, kennt möglicherweise dieses Phänomen. Man macht etwas. Wird sichtbar. Beschäftigt sich intensiv mit einem Thema. Und plötzlich scheint daraus eine Art Zuständigkeit zu entstehen.

Da fehlt etwas? Könntest du machen.

Da läuft etwas nicht? Könntest du dich kümmern.

Da müsste dringend jemand aktiv werden? Du bist doch schon aktiv.

Eine wird’s schon machen. Klar.

Und genau da beginnt für mich eine Konsumhaltung, die mich zunehmend nervt.

Wir sehen, was fehlt. Wir wissen ziemlich genau, was andere besser machen müssten. Wir können ausführlich darüber klagen, was Institutionen, Politik, Medizin, Forschung oder „die Gesellschaft“ wieder nicht hinbekommen.

Aber selbst etwas tun?

Schwierig. Da kommt gleich noch Verantwortung übernehmen ins Spiel. Und die könnte schwer wiegen. Klagen aus der zweiten Reihe ist viel einfacher. Nicht wahr? 

Konsumhaltung heißt für mich dabei nicht, dass jeder Mensch sofort selbst eine Initiative gründen muss. Es geht um etwas anderes: um die Erwartung, dass das eigene Problem, sobald man es ausgesprochen hat, zur Aufgabe eines anderen wird.

Man erzählt, was alles nicht funktioniert. Wer nicht reagiert hat. Was fehlt. Was dringend anders werden müsste. Und irgendwo zwischen Klage und Forderung passiert etwas sehr Erstaunliches:

Die Verantwortung wandert über den Tisch.

Ich habe das Problem beschrieben. Jetzt bist du dran.

Nein.

Darüber zu klagen, dass etwas fehlt, ist noch kein Engagement. Eine Forderung zu formulieren, ist noch kein eigener Beitrag. Und einen engagierten Menschen zu finden, dem man das Ganze vor die Füße kippen kann, ist erst recht keiner.

Man darf sich ärgern. Man darf Missstände benennen. Man darf Unterstützung brauchen und darum bitten. Aber Unterstützung erbitten ist etwas völlig anderes, als selbstverständlich zu erwarten, dass jemand anderes übernimmt.

Letztens war das wieder mal ich. Der Kiosk oder der Kassenschrank ...

Dafür gibt es doch sicher jemanden.

Mag sein. Aber dass du mich gefunden hast, bedeutet noch nicht, dass ich dieser Jemand bin.

Engagement wird dann zur Dienstleistung, die andere bitte bereitstellen sollen. Kostenlos. Versteht sich. Und am liebsten sofort und auf Kommando.

Man selbst bleibt auf der anderen Seite des Tresens, bestellt Verbesserung und wundert sich, wenn sie nicht geliefert wird.

Und manchmal wird es geradezu unverfroren.

Selbstverständlich gibt es gute Gründe dafür, warum Menschen sich nicht engagieren können. Fehlende Zeit. Familie. Arbeit. Krankheit. Erschöpfung. Geld. All das ist real.

Nur: Das gilt möglicherweise auch für die Person, von der man gerade erwartet, dass sie es übernimmt.

Übrigens, dazu gehört auch noch etwas anderes: Aufmerksamkeit ist ebenfalls eine Ressource.

Wer einen Menschen ungeplant anspricht, darf nicht automatisch davon ausgehen, dass dieser Mensch jetzt Zeit, Kraft und Aufnahmefähigkeit für die eigene, oft sehr ausführlich geschilderte Lebensgeschichte hat.

Ein Name wäre ein Anfang.

Dann vielleicht: „Haben Sie kurz Zeit?“

Und anschließend etwas geradezu Revolutionäres: das Anliegen.

Kurz. Konkret. Verständlich.

Eine gemeinsame Diagnose ist übrigens noch kein Anliegen. Sie kann eine Verbindung herstellen. Sie bedeutet aber nicht automatisch, dass das werte Gegenüber jetzt sofort die heruntergeratterte Lebensgeschichte hören möchte.

Ehrlich: ungefragt schon gar nicht.

Und ausführlich, ohne zu wissen, worauf dieses Gespräch eigentlich hinauslaufen soll, erst recht nicht.

Wenn jemand etwas von mir möchte, kann er oder sie das sagen. Und zwar: kurz und knackig.

Dann kann ich entscheiden, ob ich helfen kann, helfen möchte oder gerade schlicht keine Kapazität habe.

Gemeinsame Betroffenheit ist keine Flatrate für die Aufmerksamkeit anderer Betroffener.

Und manchmal kommt noch etwas dazu, das ich bemerkenswert finde: die Aufzählung dessen, was man selbst schon alles getan hat.

Ich habe telefoniert. Ich habe nachgefragt. Ich habe mich informiert. Ich habe mich gekümmert. Ich habe dieses und jenes organisiert.

Das kann enorm viel sein. Und anstrengend.

Nur: Wenn ich all das für meine eigene Versorgung, mein eigenes Leben oder meine eigene Familie getan habe, dann habe ich mich um meine Angelegenheiten gekümmert. Aber mich nicht für andere engagiert.

Da ist ein Unterschied, wenngleich es natürlich wichtig ist, sich um sich selbst zu kümmern.

Aber es ist nicht automatisch gesellschaftliches Engagement. Es entsteht daraus auch kein Guthaben, das ich anschließend bei anderen Engagierten einlösen kann.

„Ich habe schon so viel gemacht“ bedeutet nicht: Jetzt bist du dran.

Und was passiert eigentlich, wenn die vermeintlich zuständige Person nicht übernimmt?

Dann entsteht mitunter Enttäuschung. Manchmal sogar Ärger.

Das irritiert mich.

Wenn ich jemanden wirklich frage, ob er etwas übernehmen möchte, gehört ein Nein zum möglichen Ausgang dieser Frage. Und das muss man auch akzeptieren.

Wenn ich dagegen verärgert bin, weil mein Gegenüber Nein sagt, habe ich vielleicht gar nicht gefragt.

Vielleicht war da jemand mit einem Auftrag unterwegs.

Wer aber mit einem Auftrag kommt, sollte sich nicht wundern, wenn die andere Person nicht automatisch zur Ausführung bereitsteht.

Es ist nämlich so: Ich habe auch ein Leben.

Ich habe einen Beruf. Verpflichtungen. Menschen, die mir wichtig sind. Dinge, die ich einfach nur zum Vergnügen tue. Ich habe eine Familie. Und Dinge, die mir ermöglichen, meine Rechnungen zu bezahlen.

Und ich habe Multiple Sklerose.

Auch ich brauche Pausen.

Während ich auf der Bühne über die Spoonie-Theorie spreche und man fleißig nickt, ist dies jedoch nach dem Bühnenabgang gerne obsolet. Unwichtig. Dann habe ich da zu sein. Ob ich will oder nicht. Es ist jetzt Zeit für diesen einen Auftrag, den man im Kopf hat. Bei kurzen Hallos ist das nett, kein Thema, bei der Schilderung einer gesamten Lebensgeschichte schon. 

Dass ich auch einen Moment benötige, um vielleicht mal durchzuschnaufen, scheint gelegentlich in Vergessenheit zu geraten, weil ich arbeite, reise, Vorträge halte, Projekte entwickle und ziemlich viel auf die Beine stelle.

Und im Rahmen von #ButYouDontLookSick ist es nur natürlich, dass ich unkaputtbar wirke.

Und es bin.

Denkt man.

Is aber nicht so. Und das ärgert mich, gerade wenn mein Gegenüber auch MS hat. Die Person müsste es dann besser wissen.

Sichtbares Engagement ist kein Beweis für unbegrenzte Energie. Schon gar nicht dafür, mir die eigene Lebensgeschichte recht botschaftsfrei an den Latz zu heften und anschließend enttäuscht zu sein, wenn ich nicht begeistert hopse.

Meine MS wird auch nicht weniger relevant, nur weil ich gerade funktioniere. Oder funktioniert habe und gerade mal zwei Minuten durchatmen möchte.

Vielleicht komme ich gerade aus einer Diskussion, einem Vortrag oder einem Arbeitstag und brauche diese Pause.

Engagement ist keine Einladung, mir noch etwas auf den Tresen zu legen.

Fragen hilft.

Und wäre höflich.

Wer sagt: „Das brauchen wir“, kann eine hervorragende Idee haben.

Aber vielleicht lautet die nächste Frage nicht:

Wer macht das für mich?

Sondern: Was kann ich dazu beitragen?

Das muss nicht gleich ein Verein, ein Projekt oder die nächste große Initiative sein. Vielleicht ist es eine Mail. Eine Recherche. Eine Stunde Zeit. Ein Kontakt. Eine Nachfrage. Vielleicht bringt man Menschen zusammen.

Vielleicht fängt man einfach an.

Und manchmal stellt man dabei fest:

Verdammt.

Das ist Arbeit.

Ja. Das ist es.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum es so verführerisch ist, die eigene gute Idee einfach über den Tresen zu schieben und darauf zu warten, dass jemand anderes sie einpackt.

Nur: Partizipation funktioniert nicht wie Einkaufen.

Manchmal muss man selbst hinter den Tresen.

Oder wenigstens fragen: Kann ich etwas beitragen?

Wäre doch mal was.

So.

Der Kiosk ist geschlossen.





Text: Birgit

Bild: mit KI erstellt

Montag, 31. August 2026

Mein Gehirn ist kein Gemeinschaftseigentum - über MS, Mental Load und Perimenopause und was die Streichung von Mama 2.0 damit zu tun hat!

 

Bild mit KI entwickelt! 

Über Mental Load, MS und die erstaunlich haltbare Idee, Frauen seien für das Funktionieren anderer Erwachsener zuständig

Mental Load wird gern über Mütter erklärt. Über Brotdosen, Kinderarzttermine, Wechselkleidung, Elternabende und Geburtstagsgeschenke. Das ist richtig und wichtig. Viele Mütter tragen einen erheblichen Teil dieser unsichtbaren Arbeit.

Aber Mental Load beginnt nicht mit der Geburt eines Kindes.

Freitag, 3. Juli 2026

Krankheit ist keine Entscheidung - und warum die neuesten Reformentscheidungen ordentlich hinken ...

Seit mehr als zwanzig Jahren lebe ich mit Multipler Sklerose. Ich kenne Arztpraxen, Krankenhäuser und Wartezimmer ziemlich gut. Ich habe dort viele Stunden verbracht. Ich sah Menschen kommen und gehen. Durfte mich in niesende Gruppen setzen oder in die Magen-Darm-Gruppe im Sommer und zu den Menschen mit den unterschiedlichsten Zipperlein. 

Manchmal war es sogar lustig, weil sich Gespräche ergaben, man Neuigkeiten erfuhr oder hörte, was den Nachbarn gerade plagt. Manchmal war es unangenehm und ich hatte nicht selten die Angst vor einer Ansteckung im Gepäck. Besonders während Grippewellen oder wenn gerade wieder ein 24-Stunden-Virus unterwegs war.

Ehrlich, man sucht sich den Arztbesuch nicht aus. Man geht hin, weil man krank ist. Zumindest ich. Und viele andere.

Ich weiß auch, dass ich mir eines ganz sicher nicht ausgesucht habe: krank zu sein. 

Mit MS kommt allerdings noch etwas hinzu: Man ist deutlich häufiger in Praxen und Krankenhäusern als andere. Ergo setzt man sich auch wesentlich häufiger Ansteckungsrisiken aus – und das kann durchaus gefährlich werden.

Deshalb beschäftigt mich die aktuelle Diskussion über den Krankenstand und verschärfte Regeln für Krankschreibungen. Ich beobachte seit Bekanntwerden dieser Neuigkeiten aus Berlin die Entrüstung – und zwar von allen Seiten. Nicht nur von Menschen mit Erkrankungen, sondern auch von Ärztinnen und Ärzten, die absehbar noch mehr Arbeit haben werden. 

Ehrlich gesagt: Ich bin es auch. Und noch ehrlicher: Bislang habe ich nicht den Eindruck gewonnen, dass die Datengrundlage für diese Entscheidung ausreichend transparent gemacht wurde. Vielleicht gibt es entsprechende Analysen. Dann würde ich sie gerne lesen. Denn gerade bei gesundheitspolitischen Entscheidungen wünsche ich mir, dass die zugrunde liegende Evidenz nachvollziehbar ist.

Es ist doch so: Wenn ich krank bin, möchte ich ehrlich gesagt nicht in einem Wartezimmer sitzen. Nicht, weil ich keine Lust habe. Sondern weil ich weiß, was dort passiert. Menschen mit Erkältungen, Influenza, COVID-19 oder anderen Infektionskrankheiten sitzen oft dicht nebeneinander. Für viele ist das unangenehm. Für Menschen mit einer chronischen Erkrankung, nach einer Operation oder mit einem geschwächten Immunsystem kann es jedoch ein echtes Gesundheitsrisiko sein.

Natürlich muss ich manchmal trotzdem in die Praxis. Aber wenn sich ein unnötiger Besuch vermeiden lässt und mein Arzt und ich das per Videocall besprechen können, ist das aus meiner Sicht zunächst einmal gute Versorgung. Übrigens auch in den Phasen, in denen ich schlecht zu Fuß bin und jeder Weg unglaublich anstrengend ist. Dann ist das wesentlich effizienter als alles andere.

Deshalb frage ich mich, warum wir gerade über Maßnahmen diskutieren, die genau diese unnötigen Kontakte wieder häufiger machen könnten. Die im schlimmsten Fall Menschen noch kränker machen, als sie ohnehin schon sind – was übrigens, und nur nebenbei, weitere Kosten verursacht. Und Krankheitstage.

Ein Blick auf die Daten

Der Krankenstand in Deutschland ist in den vergangenen Jahren tatsächlich gestiegen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Beschäftigte 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgeschrieben.

Das Statistische Bundesamt weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) einen Teil dieses Anstiegs erklärt. Seit Anfang 2022 werden Krankschreibungen vollständiger erfasst. Vor allem kurze Arbeitsunfähigkeiten tauchen heute häufiger in den Statistiken auf als früher.

Will heißen: Früher könnten es durchaus auch mehr gewesen sein – wir wissen es schlicht nicht. Die Daten fehlen irgendwie. Daher ist die Datenlage vor der eAU ist nicht vollständig vergleichbar. Das allein macht die Argumentation, Deutschland sei plötzlich deutlich kränker oder es gebe zu viele Krankheitstage, deutlich komplexer.

Auch Analysen des IGES-Instituts kommen zu dem Ergebnis, dass Infektionswellen und die veränderte Datenerfassung wesentliche Ursachen des gestiegenen Krankenstandes sind. Einen belastbaren Nachweis dafür, dass die telefonische Krankschreibung den Krankenstand erhöht hat, sehen die Autoren nicht.

Bislang ist für mich deshalb nicht nachvollziehbar, auf welche detaillierte Datenauswertung sich die geplanten Änderungen stützen. Der Verweis auf einen gestiegenen Krankenstand allein beantwortet noch nicht die Frage, welche Ursachen dahinterstehen und ob genau diese Maßnahme geeignet ist, daran etwas zu ändern. Vielleicht gibt es diese Analysen. Dann würde ich sie gerne lesen.

So faul scheint Deutschland jedenfalls nicht zu sein, wie es derzeit teilweise dargestellt wird.

Was mir in der Diskussion fehlt

Mich beschäftigt weniger die Frage, ob wir über den Krankenstand sprechen sollten. Natürlich sollten wir das. Mich beschäftigt vielmehr, wie wir mit den vorhandenen Daten umgehen – und wie wir in dieser Debatte über Menschen sprechen.

Wer gesundheitspolitische Maßnahmen begründen möchte, sollte die Ursachen möglichst genau kennen. Wir sprechen derzeit über Krankheitstage. Aber Krankheit ist eben nicht gleich Krankheit.

  • Wie viele Fehltage entstehen durch chronische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Diabetes oder Rheuma? 
  • Wie viele durch Krebsbehandlungen oder nach Operationen?
  • Wie viele durch psychische Erkrankungen?
  • Wie viele durch akute Atemwegsinfekte?
  • Wie viele Arbeitsunfähigkeiten dauern wenige Tage, wie viele mehrere Wochen oder Monate?
  • Welche sind einer Erkältung geschuldet und welche einer Reha, einem Krankenhausaufenthalt oder einer Therapie?

Und vor allem: Welcher Anteil der Krankheitstage wäre durch strengere Krankschreibungsregeln überhaupt beeinflussbar?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich beurteilen, ob eine Maßnahme tatsächlich das Problem löst, das sie lösen soll.

Ist die Maßnahme überhaupt wirtschaftlich?

Ein weiterer Gedanke beschäftigt mich.

Wenn künftig bereits am ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erforderlich ist, verändert das möglicherweise auch das Verhalten von Patienten und Ärzten.

Ich könnte mir vorstellen, dass sich manche Beschäftigte dann vorsorglich gleich für mehrere Tage krankschreiben lassen. Nicht, weil sie länger krank sein möchten, sondern weil sie einen zweiten Praxisbesuch vermeiden wollen. Auch aus ärztlicher Sicht könnte das nachvollziehbar sein: ein Termin statt zwei, weniger Verwaltungsaufwand und keine erneute Vorstellung nach wenigen Tagen.

Ob dieser Effekt tatsächlich eintritt, weiß ich nicht. Genau deshalb sollte er untersucht werden.

Denn damit stellt sich eine gesundheitsökonomische Frage: Ist die geplante Maßnahme überhaupt wirtschaftlich?

Zusätzliche Arztkontakte verursachen Aufwand. Sie binden Personal, verlängern Wartezeiten und belasten Hausarztpraxen, die vielerorts bereits an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten. Hinzu kommen mögliche Folgekosten durch vermeidbare Infektionen im Wartezimmer.

Wenn gleichzeitig längere Krankschreibungen wahrscheinlicher werden, weil Patienten und Ärzte pragmatisch handeln, könnte der gewünschte Effekt sogar ausbleiben. Oder sich im schlimmsten Fall sogar umkehren.

Vertrauen ist ebenfalls ein Gesundheitsfaktor

Politische Maßnahmen senden immer auch ein Signal.

Wenn Beschäftigte den Eindruck gewinnen, dass ihnen grundsätzlich – nicht im Unternehmen wohlgemerkt, sondern von Regierungsseite – misstraut wird, kann das unbeabsichtigte Folgen haben. Manche werden vielleicht denken: „Wenn der Staat mir ohnehin misstraut, dann sorge ich lieber dafür, dass ich auf der sicheren Seite bin.“

Ob Menschen tatsächlich so handeln, weiß ich nicht. Aber wir wissen aus der Verhaltensökonomie und der Psychologie, dass Vertrauen und Misstrauen Verhalten beeinflussen können.

Ein Gesundheitssystem funktioniert am besten, wenn Vertrauen die Grundlage ist. Wer alle unter Generalverdacht stellt, riskiert unbeabsichtigte Folgen.

Und ehrlich: Es ist unfair, einen Generalverdacht auszusprechen. Denn es gibt auch das Gegenteil. Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen vermeiden Krankschreibungen und gehen oft genug über ihre Grenzen. Ungesund – aber was tut man nicht für seinen Job?

Auch das ist Realität.

Fast hätte ich diese Debatte persönlich genommen. Denn auch ich arbeite viel und hart. Mir indirekt zu unterstellen, ich sei faul, und mich mit allen anderen in eine Schublade zu stecken, empfinde ich als unverschämt. Vor allem aber vermisse ich dabei eines: Empathie.

Mein Fazit

Ich arbeite seit vielen Jahren mit Gesundheitsdaten – als Beraterin, in nationalen und internationalen Projekten und im Austausch mit Wissenschaft, Politik und Versorgung. Ich setze mich aktiv für den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) ein, weil ich überzeugt bin, dass Daten helfen können, bessere Entscheidungen zu treffen.

Vielleicht reagiere ich deshalb sensibel darauf, wenn aus einer einzelnen Zahl weitreichende politische Schlussfolgerungen gezogen werden.

Gesundheitsdaten sind wertvoll. Aber sie entfalten ihren Wert erst dann, wenn wir sie richtig strukturieren, richtig interpretieren und die richtigen Fragen stellen.

Krankheit ist keine Entscheidung.

Am Ende geht es nicht nur um Krankheitstage oder Statistiken.

Es geht um Menschen.

Um Menschen mit einer Grippe. Mit einer chronischen Erkrankung. Nach einer Operation. Mit einer psychischen Belastung. Menschen, die gesund werden möchten – nicht möglichst schnell den Weg in ein Wartezimmer finden.

Gesundheitspolitik braucht gute Daten. Aber sie braucht genauso Empathie, Sachverstand und Vertrauen in die Menschen.

Denn aus Zahlen entstehen Entscheidungen. Und diese Entscheidungen beeinflussen den Alltag von Millionen Menschen.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur Zahlen interpretieren, sondern sie auch mit den Menschen teilen, die von den Entscheidungen betroffen sind. Besonders mit chronisch oder langfristig Erkrankten. Partizipation ist ein guter Schlüssel. Besonders, wenn Entscheidungen über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen werden, kann das der Gesundheit am Ende mehr schaden als nützen.

Deshalb wünsche ich mir, dass Reformen nicht als Schnellschüsse entstehen, sondern auf einer differenzierten Analyse beruhen. Nicht jede Maßnahme, die auf den ersten Blick plausibel erscheint, verbessert am Ende auch die Versorgung.

Ein bisschen Empathie und Sachverstand haben gesundheitspolitischen Entscheidungen noch nie geschadet. Schnellschüsse dagegen können ungewollte Folgen haben – und im schlimmsten Fall der Gesundheit mehr schaden als nützen.


Quellen

Tagesschau – Debatte um Krankschreibungen
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/krankschreibung-krankheitstage-reform-100.html

Statistisches Bundesamt (Destatis) – Krankenstand 2024
https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-2/krankenstand.html

IGES Institut – Einflussfaktoren beim Krankenstand
https://www.iges.com/ergebnisse/projekte/2025/einflussfaktoren-beim-krankenstand/index_ger.html

DAK-Gesundheit – Der Rekordkrankenstand: Fakten und Mythen
https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/88048/data/df2f10115fcc5a7872373c18c48504dc/250107-download-bericht-rekordkrankenstand.pdf

Montag, 1. Juni 2026

Jetzt erst recht oder warum der Welt MS Tag irgendwie seltsam war .... ein KeinBlogpost!

Vor einigen Tagen war Welt MS Tag - und ich habe nichts gepostet.

Kein „Jetzt erst recht“.
Kein Motivationsspruch.
Keine Betroffenheitsgrafik.
Kein Reel darüber, wie tapfer wir alle sind.

Vielleicht, weil ich mich seit einiger Zeit frage, ob bei Awareness manchmal vor allem eines passiert: dass Menschen sich gegenseitig bestätigen aber offenbar niemanden außerhalb der MS Bubble erreichen. 

... Sich in Symptomen verlieren. Sie wieder und wieder erzählen. Sich dabei vor allem innerhalb der eigenen Community bewegen.

Weil MS eben MS ist. Und es viele von uns gibt. Ungefähr 300.000 in Deutschland. 

Ja, Multiple Sklerose ist ernst, ja, Symptome gehören dazu. Und ja: Ja, chronische Erkrankungen verändern Leben.