Manchmal war es sogar lustig, weil sich Gespräche ergaben, man Neuigkeiten erfuhr oder hörte, was den Nachbarn gerade plagt. Manchmal war es unangenehm und ich hatte nicht selten die Angst vor einer Ansteckung im Gepäck. Besonders während Grippewellen oder wenn gerade wieder ein 24-Stunden-Virus unterwegs war.
Ehrlich, man sucht sich den Arztbesuch nicht aus. Man geht hin, weil man krank ist. Zumindest ich. Und viele andere.
Ich weiß auch, dass ich mir eines ganz sicher nicht ausgesucht habe: krank zu sein.
Mit MS kommt allerdings noch etwas hinzu: Man ist deutlich häufiger in Praxen und Krankenhäusern als andere. Ergo setzt man sich auch wesentlich häufiger Ansteckungsrisiken aus – und das kann durchaus gefährlich werden.
Deshalb beschäftigt mich die aktuelle Diskussion über den Krankenstand und verschärfte Regeln für Krankschreibungen. Ich beobachte seit Bekanntwerden dieser Neuigkeiten aus Berlin die Entrüstung – und zwar von allen Seiten. Nicht nur von Menschen mit Erkrankungen, sondern auch von Ärztinnen und Ärzten, die absehbar noch mehr Arbeit haben werden.
Ehrlich gesagt: Ich bin es auch. Und noch ehrlicher: Bislang habe ich nicht den Eindruck gewonnen, dass die Datengrundlage für diese Entscheidung ausreichend transparent gemacht wurde. Vielleicht gibt es entsprechende Analysen. Dann würde ich sie gerne lesen. Denn gerade bei gesundheitspolitischen Entscheidungen wünsche ich mir, dass die zugrunde liegende Evidenz nachvollziehbar ist.
Es ist doch so: Wenn ich krank bin, möchte ich ehrlich gesagt nicht in einem Wartezimmer sitzen. Nicht, weil ich keine Lust habe. Sondern weil ich weiß, was dort passiert. Menschen mit Erkältungen, Influenza, COVID-19 oder anderen Infektionskrankheiten sitzen oft dicht nebeneinander. Für viele ist das unangenehm. Für Menschen mit einer chronischen Erkrankung, nach einer Operation oder mit einem geschwächten Immunsystem kann es jedoch ein echtes Gesundheitsrisiko sein.
Natürlich muss ich manchmal trotzdem in die Praxis. Aber wenn sich ein unnötiger Besuch vermeiden lässt und mein Arzt und ich das per Videocall besprechen können, ist das aus meiner Sicht zunächst einmal gute Versorgung. Übrigens auch in den Phasen, in denen ich schlecht zu Fuß bin und jeder Weg unglaublich anstrengend ist. Dann ist das wesentlich effizienter als alles andere.
Deshalb frage ich mich, warum wir gerade über Maßnahmen diskutieren, die genau diese unnötigen Kontakte wieder häufiger machen könnten. Die im schlimmsten Fall Menschen noch kränker machen, als sie ohnehin schon sind – was übrigens, und nur nebenbei, weitere Kosten verursacht. Und Krankheitstage.
Ein Blick auf die Daten
Der Krankenstand in Deutschland ist in den vergangenen Jahren tatsächlich gestiegen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Beschäftigte 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgeschrieben.
Das Statistische Bundesamt weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) einen Teil dieses Anstiegs erklärt. Seit Anfang 2022 werden Krankschreibungen vollständiger erfasst. Vor allem kurze Arbeitsunfähigkeiten tauchen heute häufiger in den Statistiken auf als früher.
Will heißen: Früher könnten es durchaus auch mehr gewesen sein – wir wissen es schlicht nicht. Die Daten fehlen irgendwie. Daher ist die Datenlage vor der eAU ist nicht vollständig vergleichbar. Das allein macht die Argumentation, Deutschland sei plötzlich deutlich kränker oder es gebe zu viele Krankheitstage, deutlich komplexer.
Auch Analysen des IGES-Instituts kommen zu dem Ergebnis, dass Infektionswellen und die veränderte Datenerfassung wesentliche Ursachen des gestiegenen Krankenstandes sind. Einen belastbaren Nachweis dafür, dass die telefonische Krankschreibung den Krankenstand erhöht hat, sehen die Autoren nicht.
Bislang ist für mich deshalb nicht nachvollziehbar, auf welche detaillierte Datenauswertung sich die geplanten Änderungen stützen. Der Verweis auf einen gestiegenen Krankenstand allein beantwortet noch nicht die Frage, welche Ursachen dahinterstehen und ob genau diese Maßnahme geeignet ist, daran etwas zu ändern. Vielleicht gibt es diese Analysen. Dann würde ich sie gerne lesen.
So faul scheint Deutschland jedenfalls nicht zu sein, wie es derzeit teilweise dargestellt wird.
Was mir in der Diskussion fehlt
Mich beschäftigt weniger die Frage, ob wir über den Krankenstand sprechen sollten. Natürlich sollten wir das. Mich beschäftigt vielmehr, wie wir mit den vorhandenen Daten umgehen – und wie wir in dieser Debatte über Menschen sprechen.
Wer gesundheitspolitische Maßnahmen begründen möchte, sollte die Ursachen möglichst genau kennen. Wir sprechen derzeit über Krankheitstage. Aber Krankheit ist eben nicht gleich Krankheit.
- Wie viele Fehltage entstehen durch chronische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Diabetes oder Rheuma?
- Wie viele durch Krebsbehandlungen oder nach Operationen?
- Wie viele durch psychische Erkrankungen?
- Wie viele durch akute Atemwegsinfekte?
- Wie viele Arbeitsunfähigkeiten dauern wenige Tage, wie viele mehrere Wochen oder Monate?
- Welche sind einer Erkältung geschuldet und welche einer Reha, einem Krankenhausaufenthalt oder einer Therapie?
Und vor allem: Welcher Anteil der Krankheitstage wäre durch strengere Krankschreibungsregeln überhaupt beeinflussbar?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich beurteilen, ob eine Maßnahme tatsächlich das Problem löst, das sie lösen soll.
Ist die Maßnahme überhaupt wirtschaftlich?
Ein weiterer Gedanke beschäftigt mich.
Wenn künftig bereits am ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erforderlich ist, verändert das möglicherweise auch das Verhalten von Patienten und Ärzten.
Ich könnte mir vorstellen, dass sich manche Beschäftigte dann vorsorglich gleich für mehrere Tage krankschreiben lassen. Nicht, weil sie länger krank sein möchten, sondern weil sie einen zweiten Praxisbesuch vermeiden wollen. Auch aus ärztlicher Sicht könnte das nachvollziehbar sein: ein Termin statt zwei, weniger Verwaltungsaufwand und keine erneute Vorstellung nach wenigen Tagen.
Ob dieser Effekt tatsächlich eintritt, weiß ich nicht. Genau deshalb sollte er untersucht werden.
Denn damit stellt sich eine gesundheitsökonomische Frage: Ist die geplante Maßnahme überhaupt wirtschaftlich?
Zusätzliche Arztkontakte verursachen Aufwand. Sie binden Personal, verlängern Wartezeiten und belasten Hausarztpraxen, die vielerorts bereits an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten. Hinzu kommen mögliche Folgekosten durch vermeidbare Infektionen im Wartezimmer.
Wenn gleichzeitig längere Krankschreibungen wahrscheinlicher werden, weil Patienten und Ärzte pragmatisch handeln, könnte der gewünschte Effekt sogar ausbleiben. Oder sich im schlimmsten Fall sogar umkehren.
Vertrauen ist ebenfalls ein Gesundheitsfaktor
Politische Maßnahmen senden immer auch ein Signal.
Wenn Beschäftigte den Eindruck gewinnen, dass ihnen grundsätzlich – nicht im Unternehmen wohlgemerkt, sondern von Regierungsseite – misstraut wird, kann das unbeabsichtigte Folgen haben. Manche werden vielleicht denken: „Wenn der Staat mir ohnehin misstraut, dann sorge ich lieber dafür, dass ich auf der sicheren Seite bin.“
Ob Menschen tatsächlich so handeln, weiß ich nicht. Aber wir wissen aus der Verhaltensökonomie und der Psychologie, dass Vertrauen und Misstrauen Verhalten beeinflussen können.
Ein Gesundheitssystem funktioniert am besten, wenn Vertrauen die Grundlage ist. Wer alle unter Generalverdacht stellt, riskiert unbeabsichtigte Folgen.
Und ehrlich: Es ist unfair, einen Generalverdacht auszusprechen. Denn es gibt auch das Gegenteil. Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen vermeiden Krankschreibungen und gehen oft genug über ihre Grenzen. Ungesund – aber was tut man nicht für seinen Job?
Auch das ist Realität.
Fast hätte ich diese Debatte persönlich genommen. Denn auch ich arbeite viel und hart. Mir indirekt zu unterstellen, ich sei faul, und mich mit allen anderen in eine Schublade zu stecken, empfinde ich als unverschämt. Vor allem aber vermisse ich dabei eines: Empathie.
Mein Fazit
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Gesundheitsdaten – als Beraterin, in nationalen und internationalen Projekten und im Austausch mit Wissenschaft, Politik und Versorgung. Ich setze mich aktiv für den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) ein, weil ich überzeugt bin, dass Daten helfen können, bessere Entscheidungen zu treffen.
Vielleicht reagiere ich deshalb sensibel darauf, wenn aus einer einzelnen Zahl weitreichende politische Schlussfolgerungen gezogen werden.
Gesundheitsdaten sind wertvoll. Aber sie entfalten ihren Wert erst dann, wenn wir sie richtig strukturieren, richtig interpretieren und die richtigen Fragen stellen.
Krankheit ist keine Entscheidung.
Am Ende geht es nicht nur um Krankheitstage oder Statistiken.
Es geht um Menschen.
Um Menschen mit einer Grippe. Mit einer chronischen Erkrankung. Nach einer Operation. Mit einer psychischen Belastung. Menschen, die gesund werden möchten – nicht möglichst schnell den Weg in ein Wartezimmer finden.
Gesundheitspolitik braucht gute Daten. Aber sie braucht genauso Empathie, Sachverstand und Vertrauen in die Menschen.
Denn aus Zahlen entstehen Entscheidungen. Und diese Entscheidungen beeinflussen den Alltag von Millionen Menschen.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur Zahlen interpretieren, sondern sie auch mit den Menschen teilen, die von den Entscheidungen betroffen sind. Besonders mit chronisch oder langfristig Erkrankten. Partizipation ist ein guter Schlüssel. Besonders, wenn Entscheidungen über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen werden, kann das der Gesundheit am Ende mehr schaden als nützen.
Deshalb wünsche ich mir, dass Reformen nicht als Schnellschüsse entstehen, sondern auf einer differenzierten Analyse beruhen. Nicht jede Maßnahme, die auf den ersten Blick plausibel erscheint, verbessert am Ende auch die Versorgung.
Ein bisschen Empathie und Sachverstand haben gesundheitspolitischen Entscheidungen noch nie geschadet. Schnellschüsse dagegen können ungewollte Folgen haben – und im schlimmsten Fall der Gesundheit mehr schaden als nützen.
Quellen
Tagesschau – Debatte um Krankschreibungen
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/krankschreibung-krankheitstage-reform-100.html
Statistisches Bundesamt (Destatis) – Krankenstand 2024
https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-2/krankenstand.html
IGES Institut – Einflussfaktoren beim Krankenstand
https://www.iges.com/ergebnisse/projekte/2025/einflussfaktoren-beim-krankenstand/index_ger.html
DAK-Gesundheit – Der Rekordkrankenstand: Fakten und Mythen
https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/88048/data/df2f10115fcc5a7872373c18c48504dc/250107-download-bericht-rekordkrankenstand.pdf



