Samstag, 5. Januar 2013

5.1.2005

Am 5.1.2005 war ich schlecht gelaunt. Ich erinnere mich noch ganz genau. Der Tag war ähnlich dem, wie er heute, acht Jahre später ist. Grau, nebelig, verregnet, kalt. Ungemütlich könnte man sagen. Es war ein Tag, an dem man Zuhause bleibt, Kerzen anzündet, sich vielleicht noch einige schöne Stunden mit letzten Plätzchen, einer guten Tasse Tee, einem Buch oder dem Strickzeug neben dem Weihnachtsbaum macht, bevor man ihn aus dem Haus wirft und die Stille genießt .... Der 5. Januar war damals aber kein stiller Tag. Sagen wir es so: ich war in meiner Funktion als Gattin von Herzblatt einer repräsentativen Aufgabe verpflichtet und anstatt Tee zu trinken, zu stricken und zu schmöckern durfte ich Haare machen, Lockenwickler eindrehen, noch schnell ein wenig mehr Make-up als sonst für den Abend auflegen, mich in eine blöde Feinstrumpfhose und diverse andere Kurven betondende Accessoires quetschen (es gibt echt nichts Schlimmeres für mich als dieses Mogelzeug) und überlegen, ob ich noch ein Paar Ersatzschuhe mitnehmen sollte.

Es war der traditionelle Tag der Eitelkeiten und hätte damals nicht schlimmer gewählt sein können. Am 5. Januar hat noch keiner die Weihnachtsvöllerei völlig verkraftet. Was heißt: Pfunde hochzurren, einklemmen und Luft anhalten.

Ich durfte mich also in ein halbherzig gekauftes Cocktailkleid ( a la kleines Schwarzes, weils jede Frau braucht, obwohl ich schwarze Klamotten nur in seltenen Fällen mag und weil halt nichts Besseres zu bekommen war, trotz intensiver Suche) quetschen und gut aussehen. Und Lächeln. Lächeln. Lächeln. Das Kleid hatte ich lange gesucht und nicht gefunden. Daher kam dieses schwarze Teil zum Einsatz, das bis heute im Schrank hängt, aber nie wieder an die frische Luft kam. Ich kanns nicht leiden. Noch immer nicht.

Ganz ehrlich, ich mag es schon, schön auszugehen, allein schon deshalb, um ein Paar meiner wirklich schönen Schuhe an die frische Luft zu befördern und ihnen die Welt zu zeigen. Ich mag es sehr, schön gewandet und geschminkt zu sein und gut auszusehen. Es müsste nicht unbedingt ein Kleid sein, aber es gibt durchaus Kleider, die mir liegen und die ich mag und das mit der Strumpfhose kann man ja auch anders lösen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich Mode mag und nie genug von guten Looks bekommen kann und für jeden Anlaß gerne ein gutes Outfit parat habe.

Damals war das anders. Damals war ich schlecht gelaunt, unmutig und unlustig. Mir war nicht nach perlendem Gelächter und angesagter Fröhlichkeit. Ich sehnte mich nach Ruhe. Mein Körper fühlte sich nicht gut an, es kribbelte in meinen Armen und das Gehen fiel mir schwer.

Mein Auge begann im Laufe des Abends zu tränen, mein Make-up verschmierte. Ich bekam ein Essen, das ganz und gar nicht schmeckte und selbst der sonst so gerne getrunkene Martini heiterte mich nicht wirklich auf und ich griff zu Mineralwasser.

Der Walzer misslang. Obwohl ich gerne Wiener Walzer tanze. Ich wollte nur eines: nach Hause. Ins Bett.

Damals begann mein erster Schub. Und hätte ich damals gewußt, was ich heute weiß: Ich wäre glatt auf dem Sofa geblieben ....

Heute erinnere ich mich, wie jedes Jahr, daran. Lange hatte ich wirklich aggressive Schübe um diese Jahreszeit. Auch heute zwickts meine Hand. Sie ist etwas kraftlos und ich merke, dass die MS ihr Unwesen treibt. Es wird wohl ein Besuch beim Doc fällig, um zu beraten, was wir anpacken wollen. Es ist nicht schlimm, aber auch nicht normal und eskalieren will ich die Sache auch nicht lassen.

Seit diesem Tag war ich nie wieder am 5. Januar auf einem Ball. Dafür aber unternimmt Herzblatt jeden 5. Januar etwas mit mir, das mir gut tut. Wenn wir Glück haben, erwischen wir zwei Karten für eines der Neujahrskonzerte im Theater, wir gehen ins Kino oder unternehmen etwas anderes, was wir beide mögen. Heute, so glaube ich, geht er mit mir zum Lieblingsgriechen und dann auf eine Runde Billard. Allerdings ist fraglich, ob das mit dem linken Arm so wirklich praktikabel sein wird. Aber zur Not sehe ich zu und habe bei einem Glas Wein meinen Spaß. Wir werden sehen.

Aber heute ist noch ein besonderer Tag: Das Kleid geht. Es verlässt in seiner ganzen schwarzen Frustigkeit mein Haus. Die Erinnerung wäre mir zu schwer, als dass ich sie mittragen könnte, würde ich das Kleid jemals im Leben noch einmal anziehen. Falls es mir überhaupt noch passt. Mal abgesehen davon, die Figur einer Frau verändert sich in acht Jahren dann doch. ;-)

Daher die Checkliste heute:

Tag: ruhig, check

MS: Beschwerden am Arm, aber im Griff. Check

Entlastung: Kleid geht! Check

Plan für den Abend: Verwöhnaktion von Herzblatt. Check!

Outfit für heute: bequem, casual und dennoch schön. Check!

Allen einen schönen Tag!

Birgit

Kommentare:

  1. Liebe Birgit,

    den Zeitraum, an dem sich der erste Schub ankündigte, vergisst man wohl nie. Darum versuche ich dem jährlichen Weihnachtsrummel gelassen gegenüber zu treten und schubfrei über die Jahreswende zu kommen.

    Mein Vorsatz für dieses Jahr: entschleunigen. Und entrümpeln. Ballast abwerfen.

    Ich wünsche Dir ein wundertolles und gesundes 2013. Und danke für Deine Unterstützung.

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  2. Liebe Birgit,

    ich habe heute erst deinen Blog entdeckt und lese ihn sehr gerne.
    Eins ( neben der MS) haben wir gemeinsam.
    Auch ich habe am 05.01. meinen Jahrestag der Diagnose.
    Allerdings ist es dies Jahr mein 1. Jahrestag. Bin also noch relativ neu in
    diesem Club!
    Dir alles Gute!

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  3. Liebe Kerstin,

    unser Jahrestag kommt noch, aber wir habens gemeinsam. Danke für dein Kompliment, ich hoffe, dass du da bleibst und wünsche dir alles Liebe!
    Birgit

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