Mittwoch, 21. August 2013

Es nervt! Echt jetzt!

Liest man über chronische Erkrankungen ist ein Wort bei Journalisten offenbar besonders beliebt: Leiden.

Das Leiden dauert, der Patient leidet, das Leiden ist komplex, der Patient leidet wieder und das Leiden ist auch nicht vom Tisch.

Es macht mich stinksauer, ständig zu lesen, wie sehr ich leide. So wie heute in einem Zeitungsartikel, der sich sachlich und kompetent an Fakten halten sollte und nicht pauschale Behauptungen aufzustellen hat. Denn: Ich leide nicht. Ich bin krank. So! Das mal zum Anfang und zur Klarstellung aller Fakten. Wenn man schreibt, sollte man sich Gedanken machen, wie Worte negativ wirken. Man sollte das eigentlich wissen. Eigentlich lernt man das. Im Studium und im Volontariat. Könnte man meinen, aber offenbar ist das Wort "Leiden" eines, das richtig reinhaut. Und das tut es. Richtig. Aber wie?

1. Woher weiß der Schreibende, der einen Artikel verfasst, dass ich leide oder andere Patienten?

Nur nebenbei: Ich leide nicht an MS. Ich habs erwischt und lebe damit. Meistens ganz normal und manchmal ein wenig auf Umwegen. Und ich kenne jede Menge Patienten, die aktiv sind und nicht leiden. Die leben auch damit.

2. Leiden ist ein attraktives Wort. Klar, es zieht Leser, weil jeder gerne über Leiden liest und es nicht hat. Hat die Welt etwas, um sich Gedanken zu machen oder um über etwas zu reden. Und wer hat als Schreibender nicht gerne Leser? Kann ich schon verstehen aber ....

3. Leiden ist ein Sch .... wort. Wenn man nicht beweisen kann, dass der Patient tatsächlich leidet. Was in den meisten Artikeln zu beweisen wäre aber nicht bewiesen wird. Gelitten wird nämlich gerne im Sprachgebrauch. Es ist schnell geschrieben, das Bild, das davon bleibt, ist aber meist nicht richtig und bitter. Leidet jemand, schürt man Mitleid. Mitleid braucht aber keiner. Das kriegt man geschenkt. Gerne so üppig, dass man es kaum verkraften kann. Dann leidet man als Patient wirklich. Weil man nicht mehr als Mensch betrachtet wird, sondern sofort in einer Schublade landet, die einem kaum Luft zum atmen lässt. Leiden verschafft Leiden. Ich trete Mitleid gerne in die Tonne und Mitleider bleiben auf Abstand.

Die Frage ist also: Wollen Journalisten das? Wirklich?

Oder wäre es nicht besser, endlich das Leiden abzuschaffen, die Erkrankung in den Vordergrund zu stellen und vernünftig, kompetent und sachlich zu informieren, damit MS als Erkrankung endlich den Weg in unsere Gesellschaft schafft und Vorurteile und Killerpauschalen endlich in der Tonne landen?

Ich bin selbst Journalistin und weiß, wie schwierig es ist, komplexe Zusammenhänge zu verfassen und dem Leser zu erklären, wie etwas ist oder sich darstellen läßt. Aber dass man Patientengruppen zu Leidergruppen macht und damit das Leben der Patienten nicht unbedingt erleichtert, das muss nicht sein. Zumal "Leiden" zum pauschalen Urteil eines Menschen wird, dem schlicht Infos fehlen. Und das gehört nicht in eine sachliche und neutrale Berichterstattung.

Und falls jemand von den werten Kollegen Fragen hat, her damit, ich helfe gerne, andere Formulierungen zu finden oder wir klären Fragen und Informationslücken.

Birgit, nicht leidend, sondern chronisch erkrankt an Multiple Sklerose.

Kommentare:

  1. Hmm, das klingt ein wenig nach Pfeifen im Walde ---

    Ein Beispiel: Es regen sich nur die Geizigen über den vermeintlichen Geiz anderer Menschen auf, den Rest der Bevölkerung lässt das kalt --- man springt also gerade auf das an, was tief und unentdeckt als Schatten in einem schlummert

    Es ist eine gute Übung, einmal zu schauen, worüber man sich so aufregen kann, denn es ist immer so, dass die eigenen Anteile unbewusst sind und erst auf diese Weise ins Bewusstsein kommen

    Regt man sich z.B. über Rücksichtslosigkeit auf? Dann bitte einfach mal schauen, ob man selbst eine rücksichtslose Seite hat .... das hilft ungemein ...

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  2. Bevor Sie vorschnell urteilen und analysieren empfehle ich Ihnen einen Besuch auf www.leidmedien.de.

    Dort befasst man sich genau mit dem, was ich oben beschrieben habe, nämlich dem Ruf nach sachlicher und kompetenter Berichterstattung.

    Beispiele können Sie auch hier nachlesen: http://leidmedien.de/journalistische-tipps/hilflose-opfer-und-sorgenkinder/

    Sie müssen die Links nur via C&P in Ihren Browser kopieren und können sich schon umfassend informieren. Viel Spaß!

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  3. Ich finde es einerseits gut und richtig, wenn sich die Behindertenbewegung gegen mitleidige und sentimentale Darstellungen wehrt.

    Andererseits habe ich den Eindruck, dass hinter solchen Kampagnen nicht nur die unterstützenswerte Emanzipation der Behinderten steht, sondern auch eine linksradikale Ideologie: Man geht davon aus, dass Einschränkungen von Menschen ausschließlich von den gesellschaftlichen Verhältnissen ausgehen und folglich komplett abgebaut werden können. Daran glaube ich nicht.

    Ich schlage mich in eigener Sache auf die Seite des Volksmunds: Die beste Krankheit taugt nichts.

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  4. :-) Stimmt, die beste Krankheit taugt nichts .... Das sowieso.

    Ich glaube nicht, dass man in solchen Projekten davon ausgeht, dass es immer von den gesellschaftlichen Verhältnissen ausgehen kann, wenn einer leidet und dass man es immer los wird, glaube ich auch nicht. Das wäre ein wenig sehr verträumt.

    Aber: Ich glaube sehr wohl, dass Journalisten, wenn sie beim Schreiben schlicht aufpassen, aus einem Leiden eine Krankheit machen und auch andere dramaturgisch sicherlich wertvolle Kniffe vermeiden, durchaus helfen können, so manche Gruselvorstellung, die zudem falsch ist, richtig zu stellen und auch beim einen oder anderen eine Denkwende anzetteln könnten. Und genau das war mein Ansinnen. Und Leidmedien ist ein gutes Beispiel, um sich auch Anregungen im Schreibstil und der Wortverwendung zu holen.

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  5. Ojeh ...

    "Man" weiss ja manchmal nicht, was "man" so lostritt, wenn "man" sich mal Luft verschaffen will und seinen Ärger rauslässt.

    Was ich sagen will ...

    Birgit "leidet" nicht an Ihrer Krankheit - es geht ihr allerdings sicher schlecht(er), wenn Fräulein Trulla sie piesackt (das ist mein Eindruck - Birgit, korrigiere mich falls ich Dir zu nach trete).
    Ob sie dann "leidet" ist ihr ureigenes privates und persönliches Empfinden und das kann nur SIE beurteilen. Den Rest der Zeit lebt sie mit ihrer Krankheit - ich glaube die Selbstreflexion ist überflüssig, liebe Rebekka.

    Das Verb "leiden" wird tatsächlich immer wieder gern ge- bzw. verbraucht - klingt ja besser - auch wenn die Betroffenen eigentlich versuchen nicht zu "leiden" sondern damit zu leben und nicht auf Mit"leid" aus sind sondern auf Verständnis und Akzeptanz. "Leiden" macht das nicht einfacher ...

    By the way - Mit"leid" ist auch ein sehr gern verbrauchtes Wort ... aber das würde jetzt zu weit führen ... ;-)

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  6. Huch ... mache aus "nach treten" nahe treten ... ich will doch niemanden treten nicht. ;-)

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  7. @Rebekka,

    YMMD!

    wer ist den der/die/das von Ihnen so häufig benannte "man". Sie selbst oder alle Anderen? Schon einmal reflektiert, warum Sie ausgerechnet Geiz und Rücksichtslosigkeit anführen?

    Es ist eine gute Übung ... (lesen Sie einfach weiter Ihren eigenen Text).

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  8. Na ja, meistens kehrt "man" lieber von den Türen der anderen, als dass "man" sich selbst dem Häuflein vor der eigenen Türe zuwendet. Das ist so. Und für die meisten einfacher.

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  9. :-))))) Du hast nicht getreten. So oder so nicht. Weil du das schon richtig gesehen hast und siehst... :-)

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