Dienstag, 24. November 2015

Was dachtest du damals?

Diese Frage stellte ich dem Herzblatt neulich auf einem Spaziergang. Mir ging sie deshalb durch den Kopf, weil ich von einer Trennung aufgrund von MS erfahren hatte. Nicht schön.

Der Mann einer Patientin konnte sich nicht mit der Diagnose abfinden und trennte sich kurz danach. Eine schlimme Sache, man ist ohnehin mehr als beschäftigt, das was da passiert zu verarbeiten und einzuordnen.

Aber nichts desto trotz, hat man die Diagnose, haben sie auch die Angehörigen und auch die müssen damit irgendwie fertig werden. Oder?
Da Herzblatt mich im Moment "trainiert", will heißen, mich regelmäßig vor die Türe scheucht und mit mir Spaziergänge macht, weil ich gerade ein wenig demotiviert in der Ecke hänge und dringend eine Auszeit brauche (juhu, Weihnachten kommt und damit meine Zeit), ist es auch Zeit für Dialoge. Tiefsinnige Gespräche in denen wir schon ab und an sehr philosophisch werden können. Tut aber gut und in einem dieser Runden fragte ich ihn. Über MS und was er denkt.

Als ich 2005 die Diagnose bekam, blieb er bei mir und als ich fragte warum, (was eine blöde Frage ist, jaaaa) kam: "Ich liebe dich weil ich dich liebe und das mache ich doch nicht von deinem Gesundheitszustand abhängig." Er war offenbar fest entschlossen, bei mir zu bleiben. Was er auch heute noch ist, wie er mir bestätigt hat. Und anstatt panisch davon zu rennen, blieb er an meiner Seite. "Panik hilft nicht, erst mal einen Überblick verschaffen und dann darüber nachdenken, was machbar ist. Man kann und soll sich Zeit nehmen, die MS läuft nicht weg, aber vielleicht am Ende das Leben", sagt er.

Und ja, es war keine einfache Zeit. Ich hatte Phasen, da war ich mehr als ärgerlich auf ihn. Warum? Er verordnete mir Struktur. Kam Mittags nach Hause und wollte was zu Essen, brauchte frische Wäsche und beschäftigte mich immer wieder mit kleineren Dingen. Damals wollte ich echt für einen Moment verweilen und krank sein, mich in Selbstmitleid wälzen und mir so richtig leid tun. Auch das gibts bei mir. Doch er ließ mich nicht wirklich. Er gab mir den Raum, den ich brauchte, ich bekam meine Runde Selbstmitleid, aber bitte dosiert.

"Das war mir wichtig, ich spürte, dass du das überdenken und klar kommen musst", sagte er, aber dennoch: "Es hat geholfen, dich in eine Art Alltag zu schieben, damit du nicht die Struktur verlierst und klare Gedanken fassen konntest", so seine Denke. Und ja, heute kann ich sagen, er hatte Recht. Durch diese Grundordnung lief ich durch die Tage und hörte auf zu Grübeln und befasste mich mit dem, was passiert war. Klar hatte ich auch so den Antrieb, mehr über MS zu erfahren, schließlich würde mich das ein Leben lang begleiten, aber ganz am Anfang brauchte ich eben auch immer wieder einen Schubs. So kam ich auch nicht in eine Denkspirale, die mich wahrscheinlich nach unten gezogen hätte.

Er war da. Das ist auch sein Tipp für Angehörige: Da sein. Aber auch den Versuch starten, aus dem Loch zu kommen und Auffangen. Wichtig ist für ihn, dass man nicht in der Sofaritze versinkt, "das hilft keinem", sagt er. Und hat schon wieder Recht.

Für ihn war wichtig, für mich da zu sein. Mich zu unterstützen, mir aber auch meinen Weg zu lassen, denn wie sagte er? Meinen Weg muss ich gehen, er kann mich nur begleiten.

Hat er geschafft, mit Feingefühl und wahrscheinlich auch ab und zu mit ziemlicher Beherrschung, wenn ich etwas tat, was er nicht so toll fand.  "Du hast damals das Gefühl gebraucht, dass du noch geliebt wirst, das habe ich versucht." Stimmt. Ich habe mich nie ungeliebt gefühlt, er war einfach da.
Auch als viele Zeitgenossen, entweder verletzend wurden und zu Experten mutierten, weil sie über fünf Ecken auch jemanden mit MS kannten und mir RatSchläge im wahrsten Sinne des Wortes verpassten oder einfach wegblieben weil MS ansteckend sei (Blödsinn übrigens!) oder mich einfach nur zur Seite schoben, weil ich ja jetzt krank war, blieb er. Und gab mir das Gefühl, immer noch ich zu sein.

Noch ein Tipp von ihm: Zuhören und sich informieren. Als Angehöriger sollte man über die wichtigsten Punkte informiert sein, viele Entscheidungen trifft man auch gemeinsam.
Und, ganz wichtig: Das eigene Leben nicht vergessen. Jeder hat das Recht auf eigene Freunde, auf Dinge, die er gerne tut. Beibehalten. "Weil jeder mal Abstand braucht!"

Klar ist, dass es nicht einfach ist, nach einer Diagnose weiter zu machen. Jeder muss für sich klar kommen, seine Gedanken sortieren und es müssen Wege gefunden werden, die beiden gut tun.
Und das geht. Man muss sich Mühe geben, man muss ab und an auch Kompromisse eingehen, zurückstecken. Aber, und da spreche ich für uns, es lohnt sich. Das Leben wird reicher, man wird in vielen Dingen gelassener und unsere Liebe ist gewachsen, stärker geworden.



Wir genießen unsere Zweisamkeit, haben Spaß und an Tagen, an denen einer von uns nicht so gut mitlaufen kann, stützt ihn der andere. Und ab und an rennen wir beide getrennt voneinander los. Jeder in seine Richtung, die am Ende genau dort endet, wo wir immer enden. Bei uns. Ans Verlassen wegen einer Diagnose haben wir beide nie gedacht. Wir hatten das schon vorher, aber nicht in dem Ausmaß, wie in der Zeit, als Fräulein Trulla einzog.

Deshalb liebe Angehörige, einfach ist so eine Diagnose für keinen. Und ich glaube, wir, die wir betroffen sind, verstehen das. Auch wenn wir das nicht immer zeigen können. MS heißt auch Leben verändern und das muss wahrlich nicht immer die schlechteste Sache sein.

Liebe Grüße
Birgit

Bildquelle: Pixabay.com 

Kommentare:

  1. Das ist ein sehr schöner Text. Fräulein Trulla besuchte mich vor drei Monaten. Plötzlich hatte ich 'irgendwas am Auge' - lag eine Woche im Krankenhaus, man pumpte mich mit Medikamenten voll u ich wunderte mich, warum so viele Untersuchungen gemacht wurden u warum ich mit zig schwer Kranken im Zimmer lag (Ausfallerscheinungen), Lähmungen...nach meiner Rückenwasserentnahme sprang ich zehn Minuten später auf u holte mir einen Kaffee. Mein Leben ist wie vorher, ich sehe Menschen, die aussehen wie hochgradig 'behindert', die aber angeblich gesund sind. Ich lese Anzeigen von Menschen, die plötzlich ohne Vorwarnung sterben. Wir alle werden länger tot sein, als leben.. Krebs erscheint mir als eine viel schlimmere Diagnose. Auch kann jeder, jeden Tag tot umfallen. Ich gönne mir jetzt mehr von Allem was mir Spaß macht, auf dass ich Lust habe. Jeder sollte sich der Vergänglichkeit bewusst sein u genießen. Dann bleibt ein 'Loch fall Gefühl' auch aus. Keiner weiss was kommt

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  2. Danke für diesen Text. Mein Mann hat HMSN, noch mit geringen Auswirkungen. Wir halten zusammen und genießen, was noch geht.

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    1. Tut das! Genießt und tut Euch gut. Wir machen das auch. Alles Liebe!

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  3. :-) Das hört sich sehr nach mir an. Was am Auge haben, durch die Mühle gedreht werden und dann irgendwie aufstehen und weiter machen. Das mit dem Krebs kann ich verstehen, das denke ich mir manchmal auch. Allerdings werde ich deshalb auch oft seltsam angesehen. Aber ich denke mir wirklich, dass es auch schlimmer sein könnte. :-) Danke für den schönen Kommentar!

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