Montag, 21. August 2017

Seele betäubt ...

Kennt Ihr das: Ihr seid unterwegs und freut euch zum richtigen Zeitpunkt, obwohl ihr euch gar nicht freut, aber das, was ihr macht ist cool und es wäre irgendwie nicht angebracht, sich nicht zu freuen. Weil es andere enttäuschen würde.

Man sagt: "Das ist cool, schön" und fühlt es nicht.

Es fühlt sich an wie betäubt. Man nimmt war, aber bis da unten, wo man Glücksgefühle, Freude, Lachen oder so finden würde, dringt es nicht durch.

Verwirrend ist das.
Ich habe das vor Kurzem erlebt. Schöne Dinge und eigentlich hätte ich sie genießen sollen. Was ich offen auch getan habe, aber innen drinnen, kam wenig davon an. Es war so, als hätte man mich betäubt und so die Nerven quasi ausgeschaltet. Es war dumpf und der Tag schien trotz Sonnenschein irgendwie dunkler zu sein. Ich stand da und sah das Schöne und dachte mir ehrlich gesagt: Wenn ich das jetzt fühlen könnte, fände ich es cool.

Als man mich fragte, ob das schön sei, sagte ich der Einfachheit halber ja, aber ich wurde auch nachdenklich. Ich fragte mich ernsthaft was da los war. Ist doch doof, durchs Leben latschen und schöne Dinge erleben aber sie nicht wirklich so gut erleben, weil das Gefühl nicht ankommt. Funkstörung oder?



Als ich dann vor zwei Wochen  darüber las und bemerkte, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin, war es mir ein Bedürfnis, darüber zu schreiben. In dieser Gruppendiskussion ging es genau um das. Taubheit in Sachen Gefühl. Dort war die Diskussion groß und es gab viele offene Äußerungen dazu. Im Prinzip war es so, dass man sich freut, wenn andere sich freuen oder man sagt, dass man etwas genießt, obwohl es einen irgendwie doch sehr peripher tangiert. Eine gruselige Nummer und eine, die man echt nicht braucht.

Wir wissen alle, dass MS gerade wenn es um die unsichtbaren Symptome geht, schon seltsam umtriebig sein kann und sich zum Beispiel in bekannteren Dingen wie Depressionen äußern kann.
Bisher kannte ich "Taubheitsgefühle" nur von tauben Fingern oder Beinen, wenn überhaupt. Das war neu.

Die Lösungen? Zahlreiche Teilnehmer der Diskussion tun so als ob und viele haben sich auch selbst in ein Loch verzogen. Beides finde ich nicht so wirklich hilfreich. Ich mag weder so tun, noch möchte ich mich verkriechen.

Ehrlich gesagt, ich war auch verwirrt, ich bin ein Sensibelchen und weiß normalerweise das Leben zu genießen und freue mich über jeden guten Augenblick. Als mir das mit der betäubten Seele passierte, beschloss ich erst mal pragmatisch zu sein und sagte: Pass auf, so cool das alles hier ist, im Moment ist es nicht mehr als ein Ereignis, eine Sache und im Moment kann ich mich nicht freuen, weil ich echt gestresst und überfordert bin.
Das verschaffte mir einen Zeitraum, in dem ich mir darüber klar werden konnte, was das vielleicht so sein könnte.

Das war damals, wie ich jetzt weiß, auch richtig, denn meine Betäubung konnte ich stückweise abbauen und fand den Weg zurück. Heute weiß ich, dass das, was mir an diesem Tag passiert ist, wirklich cool war und ich freue mich auch jetzt noch darüber. Und genieße diese Freude doppelt.

Jedoch frage ich mich: War es Stress und eine Nebenwirkung oder eine depressive Verstimmung? Wir werden sehen. Denn, ich werde dem nachgehen und vielleicht in den nächsten Wochen, in denen ich auf Kongressen bin, auch die Experten dazu befragen. Oder kennt Ihr das?

Liebe Grüße
Birgit

Text: Birgit Bauer
Bild: Pixabay.com 

Kommentare:

  1. Hallo Birgit,
    lese gerade zum ersten Mal deinen Blog und finde mich in diesem Beitrag gleich wieder. Mir geht es schon seit längerer Zeit ganz genauso. All meine Emotionen fühlen sich so unwirklich an, stumpf. Jedes Lachen, jede Freude, jedes Mitgefühl von mir ist gekünstelt. Genau wie bei dir, zeige ich Freude im richtigen Moment - die wird aber von mir nur abgespult, erinnert mich an die eingespielten Lacher bei amerikanischen Soaps.
    Ich frage mich, warum das so ist? Im Moment schiebe ich es auf das Medikament (nehme seit 8 Monaten Aubagio). Bin drauf und dran, es abzusetzen. Will wieder ich sein!
    Machst du eine BT? Was nimmst du?
    Nicole

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    1. Hallo Nicole, vielen Dank für deinen Kommentar. Als ich das hatte, ich schrieb ja, dass es wieder besser wurde, fühlte ich mich auch wie so ein Statist in einem Theaterstück, den Vergleich find ich gut. Ich recherchiere im Moment und versuche mal herauszufinden, was da genau los sein könnte. Allerdings dauert das, weil nebenbei noch andere Dinge anstehen, die erledigt werden möchten. Ich wünsche Dir alles Gute! Birgit

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  2. Im Grunde kann ich diese Erscheinung am eigenen Leib nur bestätigen.
    Die Ursache habe ich für mich in meiner Seele identifiziert, quasi als Selbstschutzmechanismus.
    Ich habe damals sehr lange gebraucht um mich mit der Diagnose "anzufreunden" bzw. den Status der Akzeptanz zu erreichen. (2 Jahre)
    In dieser Phase war ich in einer emotionalen Achterbahn unterwegs.
    Irgendwann "ging" es. Es ging sogar zu gut!
    Freunde attestierten mir irgendwann, ich würde den Eindruck eines "emotionalen Zombies" erwecken.
    Diese Aussage veranlasste mich zur umfangreichen Selbstanalyse.
    Letztlich bin ich zu folgendem "Bild" gelangt:
    Wenn man sich die Emotionalität als vielspurige Straße vorstellt, links die guten Emotionen, rechts die schlechten, dann ist das die Bandbreite auf den man seinen "Spurwechsel" vornimmt.
    Ich habe dann, durch viel Selbstdisziplin, mir quasi verboten die rechte Spur (die negative) zu nehmen. Allerdings habe ich übersehen, dass wenn Du rechts begrenzt, das gleiche auch analog links, im positiven, passiert. Ob man es will oder nicht!
    Irgendwann war ich nur noch in der Mitte unterwegs. Das war nach Etablierung der Methode, eine schleichender Prozess. Ich vermute es war/ist ein Selbstschutzmechanismus.
    Das Problem, ich kam nicht mehr aus dieser Spur heraus!
    Auch das Absetzten jeglicher MS-Medis brachte keine Änderung.
    Dann, in 2015 kam die "Rettung" in Form eins emotional überragenden positiven Ereignisses, das alle Begrenzungen und Mauern eingerissen hat!
    Es war ein tolles Gefühl, nur entwickelte ich Ängste, dass ich auch genauso wieder ins Negative abrutschen könnte.
    Mittlerweile versucht mein Unterbewusstsein wieder die Fahrspuren zu begrenzen, was ich auch minimal zulasse.
    Um die Bandbreite nun nicht wieder total eng werden zu lassen, beschäftige ich mich privat vornehmlich mit Dingen und Projekten die eine emotionale Befriedigung geben/liefern.
    Grüße Jan

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  3. Liebe Birgit,
    zur Teit erwische ich mich immer häufiger und sage den Satz.... "ich bin echt stumpf geworden". Auf der einen Seite ist das gut und schützt mich vor den falschen Leuten, auf der anderen Seite ist es schlecht, da ich manchmal etwas fühlen möchte, aber nicht kann.... ob das an der MS liegt???
    Vielleicht ist es eine Folge davon.

    Ich überlege noch. Danke für den Einblick, liebe Grüße,

    Deine Christine

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