Bevor es losgeht: Hört Euch „Kiosk“ von Rumpelstilz an. Das Schweizer Original. Mundart. 1976.
Falls Euer Schweizerdeutsch etwas eingerostet ist: Polo Hofer fragt sich darin zunehmend genervt, ob er eigentlich ein Kiosk, eine Bank, ein Hotel oder ein Kassenschrank sei.
Mit anderen Worten: Warum glauben eigentlich alle, bei mir etwas abholen zu können?
Kommt Euch bekannt vor?
Mir inzwischen schon.
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| Bild mit KI erstellt |
Bin ich denn ein Kiosk?
Wer sich engagiert, kennt möglicherweise dieses Phänomen. Man macht etwas. Wird sichtbar. Beschäftigt sich intensiv mit einem Thema. Und plötzlich scheint daraus eine Art Zuständigkeit zu entstehen.
Da fehlt etwas? Könntest du machen.
Da läuft etwas nicht? Könntest du dich kümmern.
Da müsste dringend jemand aktiv werden? Du bist doch schon aktiv.
Eine wird’s schon machen. Klar.
Und genau da beginnt für mich eine Konsumhaltung, die mich zunehmend nervt.
Wir sehen, was fehlt. Wir wissen ziemlich genau, was andere besser machen müssten. Wir können ausführlich darüber klagen, was Institutionen, Politik, Medizin, Forschung oder „die Gesellschaft“ wieder nicht hinbekommen.
Aber selbst etwas tun?
Schwierig. Da kommt gleich noch Verantwortung übernehmen ins Spiel. Und die könnte schwer wiegen. Klagen aus der zweiten Reihe ist viel einfacher. Nicht wahr?
Konsumhaltung heißt für mich dabei nicht, dass jeder Mensch sofort selbst eine Initiative gründen muss. Es geht um etwas anderes: um die Erwartung, dass das eigene Problem, sobald man es ausgesprochen hat, zur Aufgabe eines anderen wird.
Man erzählt, was alles nicht funktioniert. Wer nicht reagiert hat. Was fehlt. Was dringend anders werden müsste. Und irgendwo zwischen Klage und Forderung passiert etwas sehr Erstaunliches:
Die Verantwortung wandert über den Tisch.
Ich habe das Problem beschrieben. Jetzt bist du dran.
Nein.
Darüber zu klagen, dass etwas fehlt, ist noch kein Engagement. Eine Forderung zu formulieren, ist noch kein eigener Beitrag. Und einen engagierten Menschen zu finden, dem man das Ganze vor die Füße kippen kann, ist erst recht keiner.
Man darf sich ärgern. Man darf Missstände benennen. Man darf Unterstützung brauchen und darum bitten. Aber Unterstützung erbitten ist etwas völlig anderes, als selbstverständlich zu erwarten, dass jemand anderes übernimmt.
Letztens war das wieder mal ich. Der Kiosk oder der Kassenschrank ...
Dafür gibt es doch sicher jemanden.
Mag sein. Aber dass du mich gefunden hast, bedeutet noch nicht, dass ich dieser Jemand bin.
Engagement wird dann zur Dienstleistung, die andere bitte bereitstellen sollen. Kostenlos. Versteht sich. Und am liebsten sofort und auf Kommando.
Man selbst bleibt auf der anderen Seite des Tresens, bestellt Verbesserung und wundert sich, wenn sie nicht geliefert wird.
Und manchmal wird es geradezu unverfroren.
Selbstverständlich gibt es gute Gründe dafür, warum Menschen sich nicht engagieren können. Fehlende Zeit. Familie. Arbeit. Krankheit. Erschöpfung. Geld. All das ist real.
Nur: Das gilt möglicherweise auch für die Person, von der man gerade erwartet, dass sie es übernimmt.
Übrigens, dazu gehört auch noch etwas anderes: Aufmerksamkeit ist ebenfalls eine Ressource.
Wer einen Menschen ungeplant anspricht, darf nicht automatisch davon ausgehen, dass dieser Mensch jetzt Zeit, Kraft und Aufnahmefähigkeit für die eigene, oft sehr ausführlich geschilderte Lebensgeschichte hat.
Ein Name wäre ein Anfang.
Dann vielleicht: „Haben Sie kurz Zeit?“
Und anschließend etwas geradezu Revolutionäres: das Anliegen.
Kurz. Konkret. Verständlich.
Eine gemeinsame Diagnose ist übrigens noch kein Anliegen. Sie kann eine Verbindung herstellen. Sie bedeutet aber nicht automatisch, dass das werte Gegenüber jetzt sofort die heruntergeratterte Lebensgeschichte hören möchte.
Ehrlich: ungefragt schon gar nicht.
Und ausführlich, ohne zu wissen, worauf dieses Gespräch eigentlich hinauslaufen soll, erst recht nicht.
Wenn jemand etwas von mir möchte, kann er oder sie das sagen. Und zwar: kurz und knackig.
Dann kann ich entscheiden, ob ich helfen kann, helfen möchte oder gerade schlicht keine Kapazität habe.
Gemeinsame Betroffenheit ist keine Flatrate für die Aufmerksamkeit anderer Betroffener.
Und manchmal kommt noch etwas dazu, das ich bemerkenswert finde: die Aufzählung dessen, was man selbst schon alles getan hat.
Ich habe telefoniert. Ich habe nachgefragt. Ich habe mich informiert. Ich habe mich gekümmert. Ich habe dieses und jenes organisiert.
Das kann enorm viel sein. Und anstrengend.
Nur: Wenn ich all das für meine eigene Versorgung, mein eigenes Leben oder meine eigene Familie getan habe, dann habe ich mich um meine Angelegenheiten gekümmert. Aber mich nicht für andere engagiert.
Da ist ein Unterschied, wenngleich es natürlich wichtig ist, sich um sich selbst zu kümmern.
Aber es ist nicht automatisch gesellschaftliches Engagement. Es entsteht daraus auch kein Guthaben, das ich anschließend bei anderen Engagierten einlösen kann.
„Ich habe schon so viel gemacht“ bedeutet nicht: Jetzt bist du dran.
Und was passiert eigentlich, wenn die vermeintlich zuständige Person nicht übernimmt?
Dann entsteht mitunter Enttäuschung. Manchmal sogar Ärger.
Das irritiert mich.
Wenn ich jemanden wirklich frage, ob er etwas übernehmen möchte, gehört ein Nein zum möglichen Ausgang dieser Frage. Und das muss man auch akzeptieren.
Wenn ich dagegen verärgert bin, weil mein Gegenüber Nein sagt, habe ich vielleicht gar nicht gefragt.
Vielleicht war da jemand mit einem Auftrag unterwegs.
Wer aber mit einem Auftrag kommt, sollte sich nicht wundern, wenn die andere Person nicht automatisch zur Ausführung bereitsteht.
Es ist nämlich so: Ich habe auch ein Leben.
Ich habe einen Beruf. Verpflichtungen. Menschen, die mir wichtig sind. Dinge, die ich einfach nur zum Vergnügen tue. Ich habe eine Familie. Und Dinge, die mir ermöglichen, meine Rechnungen zu bezahlen.
Und ich habe Multiple Sklerose.
Auch ich brauche Pausen.
Während ich auf der Bühne über die Spoonie-Theorie spreche und man fleißig nickt, ist dies jedoch nach dem Bühnenabgang gerne obsolet. Unwichtig. Dann habe ich da zu sein. Ob ich will oder nicht. Es ist jetzt Zeit für diesen einen Auftrag, den man im Kopf hat. Bei kurzen Hallos ist das nett, kein Thema, bei der Schilderung einer gesamten Lebensgeschichte schon.
Dass ich auch einen Moment benötige, um vielleicht mal durchzuschnaufen, scheint gelegentlich in Vergessenheit zu geraten, weil ich arbeite, reise, Vorträge halte, Projekte entwickle und ziemlich viel auf die Beine stelle.
Und im Rahmen von #ButYouDontLookSick ist es nur natürlich, dass ich unkaputtbar wirke.
Und es bin.
Denkt man.
Is aber nicht so. Und das ärgert mich, gerade wenn mein Gegenüber auch MS hat. Die Person müsste es dann besser wissen.
Sichtbares Engagement ist kein Beweis für unbegrenzte Energie. Schon gar nicht dafür, mir die eigene Lebensgeschichte recht botschaftsfrei an den Latz zu heften und anschließend enttäuscht zu sein, wenn ich nicht begeistert hopse.
Meine MS wird auch nicht weniger relevant, nur weil ich gerade funktioniere. Oder funktioniert habe und gerade mal zwei Minuten durchatmen möchte.
Vielleicht komme ich gerade aus einer Diskussion, einem Vortrag oder einem Arbeitstag und brauche diese Pause.
Engagement ist keine Einladung, mir noch etwas auf den Tresen zu legen.
Fragen hilft.
Und wäre höflich.
Wer sagt: „Das brauchen wir“, kann eine hervorragende Idee haben.
Aber vielleicht lautet die nächste Frage nicht:
Wer macht das für mich?
Sondern: Was kann ich dazu beitragen?
Das muss nicht gleich ein Verein, ein Projekt oder die nächste große Initiative sein. Vielleicht ist es eine Mail. Eine Recherche. Eine Stunde Zeit. Ein Kontakt. Eine Nachfrage. Vielleicht bringt man Menschen zusammen.
Vielleicht fängt man einfach an.
Und manchmal stellt man dabei fest:
Verdammt.
Das ist Arbeit.
Ja. Das ist es.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum es so verführerisch ist, die eigene gute Idee einfach über den Tresen zu schieben und darauf zu warten, dass jemand anderes sie einpackt.
Nur: Partizipation funktioniert nicht wie Einkaufen.
Manchmal muss man selbst hinter den Tresen.
Oder wenigstens fragen: Kann ich etwas beitragen?
Wäre doch mal was.
So.
Der Kiosk ist geschlossen.
Text: Birgit
Bild: mit KI erstellt

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