Mittwoch, 3. Februar 2016

Von einem Artikel mit Drama und ja ich lebe noch!

Seit gestern macht ein Artikel über eine Geschichte die Runde in der MS Community, der so richtig reinhaut. Erschienen ist die Geschichte im ze.tt Magazin und sie erregt die Gemüter.

Bevor wir uns mit Einzelheiten befassen, hier könnt Ihr nachlesen: Artikel mit dem Titel: Mama hat Multiple Sklerose

Es geht um die Geschichte einer Frau, die an MS erkrankt ist und deren Tochter mit Mama auf eine lange und spannende Reise geht. Eine anrührende Geschichte, die, hätte man sie gut recherchiert und mit weniger Kitsch und Drama aufgemacht, eine Mutmachgeschichte hätte werden können. Klar ist das Schicksal der Mutter keine einfache Sache und ja, so kann MS aussehen. Das ist für keinen einfach. Aber man hätte mehr aus der Story machen können.

Eine die anrührt, aber Angehörigen auch sagt, hey, man kann trotzdem noch schöne Tage haben, es gibt so eine Menge zu erleben, packt es an! Eine Geschichte, die erzählt, wie man zusammen rückt und dass Menschlichkeit so wichtig ist, es hätte eine Geschichte werden können, die berührend die Erlebnisse einer tollen Reise schildert und zeigt, dass Barrierefreiheit ein Thema ist, das immer noch ein bisschen vor sich hin dümpelt. Der Artikel hätte berühren, informieren und sensible Punkte wie Bedürfnisse aufgreifen können.

Aber ....


Statt dessen bekommt man als Leser eine Geschichte serviert, die dramatischer nicht sein könnte. Es geht direkt auf die Tränendrüse und ab dafür ins dunkelste Loch, das man Leser so liefern kann. Drama sag ich nur. Und das macht mich traurig.

Anstatt verständliche Fakten einzubauen, bekommt der Leser eine lapidare Erklärung, was MS eigentlich ist. Dass hier wenig oder gar keine Recherche der zuständigen Journalistin stattgefunden hat, ist erkennbar. Und wer meint, nur die Betroffenen würden die Fehler finden, der irrt. Es gab genügend "normale" Leser, die wenig über MS wissen, die erkannten, dass es hier an grundsätzlichen Dingen rund um MS hapert. Einige sprachen mich heute auch drauf an.

Man hat den Eindruck, die Autorin war offenbar sehr bemüht, die Tränendrüse zu aktivieren, klar, man muss Leser anziehen, Erfolgsdruck herrscht in jeder Redaktion, aber mal ganz ehrlich: Brauchts dafür immer das Spiel mit dem Drama im Leben? Ich glaube nicht. Das geht besser! Und sinnvoller.

Wir Betroffene mit MS kämpfen täglich gegen schnöde Vorurteile wie das der Unfähigkeit, leben zu können, wir setzen uns gegen die Uninformiertheit bei unseren Mitmenschen ein und gegen genau das, was der Artikel vermittelt: die dramatische Seite. Die, die keiner braucht. Ehrlich nicht. MS ist manchmal Drama genug. Auch das wissen nicht nur die Betroffenen. Nur by the way. In der Öffentlichkeit herrscht von der "Dramaeinstellung" genug vor. Auch ohne weitere Artikel dieser Art.

Reportagen wie diese sorgen dafür, dass wir, die wir täglich mit MS leben, wieder einmal mehr gegen Barrieren laufen, die sich in den Köpfen auftürmen. Betroffene mit MS werden unterschätzt, aufs Abstellgleis geschoben und bemitleidet bis einem ganz schlecht wird.

Anstatt sich dafür zu entscheiden, eine gute Geschichte zu erzählen, die eben auch sagt, dass Leben mit MS auch schöne Momente hat und das ganze Pamphlet mit wirklich gut recherchierten und richtigen Informationen zu untermauern, die eben auch sagen, dass MS die Krankheit der 1000 Gesichter ist und kein Patient die selbe Geschichte hat, sondern jeder Verlauf anders ist, dafür hat es wohl nicht gereicht. Dass die Situation keine einfache Sache ist, verstehe ich, aber für mich ist sie auch ein guter Botschafter dafür, was passieren kann: Menschlichkeit. Ganz pur. Und das hätte ich mir gewünscht. Dann wäre das, in Kombination mit guten Fakten eine tolle Sache gewesen und positiv gewirkt. So bleibt nur ein schaler, uninformierter Nachgeschmack.

Mir stellt sich die Frage, ob sich die Autorin einfach gut überlegt hat, was da bei frisch diagnostizierten Betroffenen oder auch bei denen passiert, die gerade einen schlimmen Schub haben. Und über die letzten Auswege möchte ich hier nicht dozieren, aber sie passieren und das ist bekannt.

Ich kenne viele Patienten, die gerade nach einer Diagnose vor Angst nicht mehr ihren Weg finden konnten, die vor Panik schier die Wände hoch gingen und sogar letzte Auswege in Betracht zogen. Mir fallen die Angehörigen ein, die diesen Artikel lesen und ebenso panisch reagieren, weil sie keine Wege kennen.

Wenn man so einen Artikel schreibt, der sich mit einem sehr sensiblen Thema wie einer Erkrankung befasst, muss man sich überlegen, dass hinter einer Erkrankung eine Gruppe Menschen = Patienten steht, die direkt betroffen ist und natürlich gerne Artikel liest, die über die eigene Indikation sprechen. Jedoch sollte man als Schreibender so sensibel sein  daran zu denken, was Drama auslösen kann.

Wir sind 200 000 in Deutschland.
Viele von uns sind verunsichert.
Viele von uns haben Angst. Vor der Zukunft, vor dem, was passieren kann. Sprich Schub.
Viele von uns, die noch nicht so informiert sind, schieben vielleicht jetzt Panik und hegen Gedanken, die es nicht bräuchte. Gedanken, die Stress verursachen, der übrigens für MS Patienten durchaus eine giftige Sache ist.

Wir sind 200 000 in Deutschland.
Wir verdienen gute Information, gut recherchierte Artikel.
Wir verdienen den Respekt gegenüber unserer Erkrankung und eine richtige Darstellung derselben.

Journalisten sollten und können mit guten Informationen dazu beitragen, dass sich das negative Bild von MS in der Bevölkerung langsam verändert. Das hilft Patienten, besser leben zu können, sich nicht so oft wehren zu müssen. Auf dass sich die Wissenslücken mit wertvollem Wissen füllen und nicht mit Drama, Tränen und schlechter Recherche.

Übrigens, die Kirsche auf meiner Torte war : "Wie lange sie noch lebt, kann niemand sagen!" (zumindest war das bis 03.02.2016 am Morgen noch so zu lesen, man hat ja zwischenzeitlich am Artikel herumgeändert!)

Das kann ich übrigens auch nicht. Aber das kann keiner liebe Autorin. Nicht einmal Sie.

Noch eins zum Schluss: Lesen hilft, auch zu diesem Thema:  Kann man an MS sterben? FAQ bei der DMSG = Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft

Ich lebe noch! Und das ist gut so.

Gute Infos zur Multiplen Sklerose: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft oder sprechen Sie mit Patienten, wir sind da! Und wir sind die Experten wenns drum geht, genau solche Dinge besser zu beschreiben. Holen Sie uns an den Tisch oder fühlen Sie sich doch eingeladen!

Viele Grüße
Birgit

Ein Nachtrag: Man hat jetzt todkrank geändert. Aber verstanden wurde die Botschaft von den vielen Kommentaren von MS Patienten nicht. Der Artikel schadet. Der bringt keinem was.

Und noch ein Nachtrag: Mittlerweile liegen Reaktionen vor. Siehe unten in den Kommentaren. Das ist zu begrüßen, ich werde die Einladung annehmen und berichten, was da bei rauskam.

Kommentare:

  1. Ja, ja MS ist tödlich.....
    Das kommt bei schlechter Recherche und unsensibler Wortwahl heraus!
    Richtig ist: Das Leben ist garantiert tödlich, nicht die MS.

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  2. Liebe Birgit,

    danke für deine kritische Antwort auf unseren Artikel. Es war nicht unsere Absicht, Menschen zu verunsichern, die mit MS leben, oder generell den Verlauf der Krankheit zu dramatisieren. Wir wollen bei ze.tt eben jene Mutmachgeschichten erzählen, die von Menschlichkeit und schönen Momenten handeln, wie du schreibst. Dass uns das in diesem Fall nicht gelungen ist, bedauern wir sehr.

    Wir haben deinen Blogpost unterhalb unseres Artikels verlinkt und auch noch einmal auf das FAQ der DMSG verwiesen. Heute Vormittag haben wir bereits der Artikel angepasst: Ausdrücke wie "todkrank" haben wir gestrichen und zudem betont, dass der Krankheitsverlauf sehr individuell ist.

    Ich würde mich freuen, wenn wir uns weiter zu diesem Thema austauschen würden. Du erreichst mich so: sebastian.horn@ze.tt, und das Team von ze.tt so: team@ze.tt.

    Beste Grüße,
    Sebastian

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  3. Ist ein systemisches Problem bei der Zeit. Einerseits sorgen ökonomische Zwänge bei allen publikationen für eine zunehmende Fokussierung auf Reichweite statt Recherche. Andererseits dürfen sich bei der Zeit häufig politisch tendenziöse und oder emotiv orientierte Meinungsbildner austoben, die nicht so sehr auf Fakten stehen.

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