Zu viele krank. Zu viele Fehltage. Zu viele Krankschreibungen. Wer hätte das gedacht!
Und wie so oft wirkt die Debatte auf den ersten Blick nüchtern, sachlich, zahlengetrieben. Man spricht über Arztbesuche, über AUs, über angeblich einfache Lösungen. Ab Tag 1 bitte alle zum Arzt. Ordnung muss sein.
Spoiler: Das hilft bloß nicht.
Es verstopft Praxen, produziert Bürokratie und schafft Arbeit, wo keine nötig wäre. Verwaltung statt Versorgung. Papier statt Heilung und Auskurieren in Ruhe.
Für Menschen wie mich bedeutet das vor allem eines: überfüllte Wartezimmer – mein ganz persönlicher Freizeitpark für Viren. Hustende, niesende, fiebernde Menschen auf engem Raum. Großartig. Schulter an Schulter mit Grippe oder Magen‑Darm.
Kurz gesagt: Mit MS – und übrigens auch mit vielen anderen Erkrankungen – sind Wartezimmer ein echtes Gesundheitsrisiko. Heute im Supersonderangebot: Die kleine Erkältung to Go? Oder darf ein wenig Magen Darm im Spucktütchen sein?
Egal was es ist, es sorgt zuverlässig dafür, dass ich danach gleich nochmal krankgeschrieben bin. Effizienz sieht anders aus oder? Übrigens auch fürs Gesundheitswesen, weil nochmal krank verursacht weitere Kosten.
Was mich an dieser Debatte wirklich stört, ist nicht der organisatorische Unsinn. Es ist das, was mitschwingt.
Ja, niemand hat ausdrücklich gesagt: Chronisch Kranke sind das Problem. Der Vorwurf galt „allen“. Zu viele krank. Zu wenig Leistung. Und doch trifft er besonders jene, die häufiger oder länger ausfallen. Dieser Vorwurf trifft. Er sitzt. Er macht denen, die es nicht haben müssten oder sollen, chronisch Kranken oder auch pflichtbewussten ein schlechtes Gewissen.
Bei Menschen, die ohnehin schon mit schweren Erkrankungen unterwegs sind, ist es am schlimmsten, denn selbst wenn es niemand ausspricht, entsteht der Eindruck, als wäre das irgendwie auffällig. Als hätte man eine Wahl. Als würde man sich Krankheit aussuchen.
Tut man nicht.
Krankheit ist keine Entscheidung. Kein Lifestyle. Kein Charakterfehler. Sie passiert. Und sie hat keine Grenzen. Sie fragt nicht nach Motivation, Verantwortung oder Führungsposition. Sie trifft Menschen. Punkt.
Und genau deshalb ist diese Debatte gefährlich. Weil sie leise wirkt. Sie schafft ein Klima, in dem viele chronisch Kranke lieber still krank sind als offen. Lieber weitermachen als sich auskurieren. Aus Angst vor Abwertung, Stigma und Diskreminierung, vor Karriereknicks, vor dem unausgesprochenen „Schon wieder?“ oder dem Verlust des Broterwerbs, etwas, das auch gerne passiert, wenn man zu lange krank ist.
Wer sich nicht auskuriert, wird aber nicht schneller gesund. Sondern ist länger krank.
Ich habe kürzlich ein Reel von Carsten Maschmeyer gesehen, in dem er sinngemäß sagte: Es ist nicht so schlimm, wenn jemand für einen Job länger braucht, liegt es doch an der Person, die die Aufgabe erledigt, an deren Eigenheiten – Hauptsache, der Job ist gut gemacht. Punkt.
Und ich dachte: Warum denken wir bei Krankheit nicht genauso? Warum gilt ausgerechnet dort Anwesenheit mehr als Ergebnis – als wäre bloßes Dasein schon Leistung? Warum gönnen wir Ruhe nicht denselben Respekt wie Produktivität? Prinzip: Auskurieren geht vor Anwesenheit. Ein Mensch, der sich erholt, kommt leistungsfähig zurück.
Ein Mensch, der krank arbeitet, brennt aus oder steckt andere an. Beides ist schlecht für Unternehmen.
Ein Blick in manche Betriebe erklärt hohe Krankenstände ziemlich schnell – manchmal reicht schon ein einziges Bild. Schlechte Atmosphäre, Misstrauen, Führung, die Anwesenheit mit Leistung verwechselt. Ich erlebte viele Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich noch mit Krücken oder Lungenentzündung ins Unternehmen schleppten, um Flagge zu zeigen – saft‑ und kraftlos, schlechte Laune inklusive. Hauptsache anwesend. Ganz großes Kino. Leadership pur, möchte man meinen. Diese Menschen sind unkonzentriert, schlecht gelaunt, ineffektiv – und fühlen sich dabei auch noch moralisch überlegen. Der Volksmund sagt nicht umsonst: Der Fisch stinkt vom Kopf.
Wird ein Mitarbeiter krank, ist man sauer und macht dem eigenen Unmut vor versammeltem Team gerne Luft. Wie kann der oder die nur? Warum ist der Arzt so gemein und schreibt die krank? Allerdings ist es nicht immer der böse Arzt mit der AU. Nicht die angeblich faule Mitarbeiterin. Oft ist es das Unternehmen selbst, das krank macht.
Ich sage das nicht theoretisch. Ich sage das aus einem Alltag, in dem Krankheit kein Ausnahmezustand ist. Übrigens: Ich bin gerade krank. Eigentlich bin ich immer krank, aber meistens lebe ich fast normal.
Und: Mein Luxus ist, dass ich meinen Job sehr gern mache und ihn meist mit einem Notebook erledigen kann. Viele halten das für Bequemlichkeit. Sie sehen Homeoffice, nicht die 16‑Stunden‑Tage. Sie sehen das Sofa, nicht die Förderanträge, die zähen Diskussionen mit Kooperationspartnern oder die Stunden, in denen ich an Flughäfen auf dem Boden sitze und arbeite.
Das stört mich nicht. Ich weiß, was der Job ist – und ich mache ihn gern. Genau deshalb ist er für mich Luxus. Aber selbst hier, selbst für mich gilt: Wenn es nicht geht, schließe ich die Bürotür von außen. Weil ich weiß, welche Rechnung sonst aufgeht. Und weil es dann wirklich niemanden braucht, der krank Präsenz zeigt.
Und was ich getestet habe: Die Welt geht nicht unter.
Sie läuft weiter. Natürlich muss man später aufräumen und aufholen. Aber es sind keine Krisen ausgebrochen. In den Unternehmen, die ich führe, haben wir weder Produktivität noch Vertrauen verloren. Im Gegenteil. Wir agieren als Team und haben Krisenpläne, die auffangen ohne zu überfordern. Und wir wissen: Perfekt müssen wir nicht. Wir können auch mal mit 80% los und auf dem Weg Luft holen. Unser Motto: Fast alles wird immer gut. Und wenn nicht, überlegen wir uns was.
Am Ende bleibt eine einfache Frage: Den alten Schlager vom Bruttosozialprodukt auflegen, in die Hände spuken und ranklotzen bis zum Umfallen? Oder anerkennen, dass Menschen ihr Bestes geben, wenn das Umfeld stimmt?
Gesundheitssysteme reformiert man nicht, indem man Kranksein einschränkt oder Menschen zwingt, sich unproduktiv an den Arbeitsplatz zu schleppen. Das ist keine Leistungskultur. Das ist Realitätsverweigerung. Und die macht am Ende alle krank.
Birgit
Text: Birgit Bauer
Bild: mit Canva erstellt.

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