Dienstag, 17. März 2026

Mehr als nur ein Tag - More than just one day! International Womens Day!

 English Version below! 



Am 8. März war wieder Internationaler Frauentag.

Das Netz war voll mit Posts. Frauen empfahlen Frauen, es gab Blumen, Herzchen, kleine Geschenke und viele Beiträge darüber, dass Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist. Stimmt. 

Ich finde diesen Tag wichtig. Er schafft Aufmerksamkeit für Themen, die noch immer nicht selbstverständlich sind und die es längst sein sollten. Verdienst ist wohl das prominenteste Beispiel. 

Und trotzdem frage ich mich jedes Jahr: Warum eigentlich nur ein Tag?
Was bleibt übrig, wenn er vorbei ist? So schnell wie er aufkam, verschwand er wieder. Geändert hat sich deshalb nichts. Wir machen einfach weiter. Irgendwie. 

Ein Satz der Schauspielerin Iris Berben ist mir dazu im Kopf geblieben.


Zum Weltfrauentag am 8. März sagte sie in einem Beitrag des NDR, sie möge diese Rituale nicht, bei denen man nur einmal im Jahr an etwas denken müsse – etwa am Frauentag oder am Valentinstag. Wenn etwas wichtig ist, dann sollte man jeden Tag daran denken. Stimmt. Dieser Gedanke beschäftigt mich.

Denn Gleichberechtigung zeigt sich nicht in Posts. Sie zeigt sich im Alltag.

Und so gesehen, Blumen gibt es ganzjährig. ;-) 

Vielleicht zeigt sich Gleichberechtigung vor allem dort, wo es unbequem wird: bei der Frage, wie wir Menschen einordnen – und ob wir ihnen erlauben, sich weiterzuentwickeln.

Zum Beispiel bei der Frage, wer als Expertin wahrgenommen wird. Und wer eben nicht - wie hart es eigentlich ist, sich aus einer Schublade heraus zu arbeiten. 

Ich lebe seit vielen Jahren mit Multipler Sklerose. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf das Gesundheitssystem geprägt und war der Ausgangspunkt für vieles, was ich heute beruflich tue.

Aber aus dieser Erfahrung ist im Laufe der Zeit auch etwas anderes entstanden: Wissen, Arbeit, Projekte, Verantwortung. Expertise entstand und wuchs. 

Und genau hier wird der Zusammenhang für mich sichtbar.

Denn Gleichberechtigung bedeutet nicht nur, dass Frauen gehört werden.
Sondern auch, dass wir ihnen zutrauen, mehr zu sein als die Rolle, in der wir sie kennengelernt haben.

Trotzdem passiert etwas Interessantes.
Menschen greifen oft zuerst zu der Kategorie, die sie kennen. Dann wird aus der Expertin schnell wieder „die Patientin“.

Interessant ist dabei noch etwas anderes. Diese Schubladen entstehen nicht nur aus einer Richtung.
Manchmal kommen sie auch von Frauen. Solche die einen kennen und wissen, dass man längst der ersten Rolle entwachsen ist, dass man sich weiter entwickelt hat. 

Vielleicht passiert das, weil wir alle gelernt haben, Menschen schnell einzuordnen. Vielleicht auch, weil Veränderungen unbequem sein können – besonders dann, wenn jemand eine Rolle verlässt, in der man ihn lange gesehen hat.

Dabei schließen sich Erfahrung und Expertise nicht aus. Im Gegenteil: Sie können sich gegenseitig stärken.

Meine Patientenerfahrung ist meine Basis. Sie erinnert mich daran, warum ich tue, was ich tue und für wen ich arbeite. Aber sie ist nicht die Grenze meiner Arbeit.

Vielleicht sollten wir deshalb am Frauentag nicht nur darüber sprechen, dass Frauen mehr gehört werden müssen.

Sondern auch darüber, welche Frauen wir überhaupt als Expertinnen akzeptieren – und ob wir ihnen zutrauen, mehr zu sein als die Rolle, in der wir sie einmal kennengelernt haben.

Denn Gleichberechtigung entscheidet sich nicht an einem Tag im Jahr.

Sondern an den anderen 364 Tagen, wenn wir entscheiden, wem wir zuhören und wessen Stimme Gewicht bekommt und wie wir das Gegenüber einordnen. Es wird darum gehen, wie wir uns am Ende entscheiden, die Einordnung einer Person zu ändern. 

Weil die Person sich geändert hat. Vielleicht geht das "Rollenverständnis" weit über das bestehende hinaus und wir müssen anfangen Menschen zu schätzen, anstatt nur eine erste Rolle zu sehen. Auch wenn einem das im ersten Moment unangenehm ist. 


Birgit 



ENGLISH VERSION

More than just one day

On March 8, it was International Women’s Day again.
The internet was full of posts. Women recommending women, flowers, hearts, small gifts, and many contributions about how equality has still not been achieved. True.

I think this day is important. It creates awareness for issues that are still not taken for granted – even though they should have been long ago. Pay equity is probably the most prominent example.

And yet, every year I find myself asking: Why only one day?
What remains when it is over? As quickly as it appeared, it disappears again. Nothing really changes because of it. We simply continue. Somehow.

A sentence by actress Iris Berben has stayed with me.
On International Women’s Day, March 8, she said in a contribution by NDR that she does not like these rituals where we only think about something once a year – whether it’s Women’s Day or Valentine’s Day. If something is important, we should think about it every single day. True. This thought has stayed with me.

Because equality does not show in posts. It shows in everyday life.

And seen this way, flowers are available all year round. ;-)

Maybe equality reveals itself most where things become uncomfortable: in the question of how we categorize people – and whether we allow them to grow beyond that.

For example, in the question of who is perceived as an expert. And who is not – how difficult it actually is to work your way out of a box.

I have been living with multiple sclerosis for many years. This experience has shaped my view of the healthcare system and was the starting point for much of what I do professionally today.

But over time, something else has grown from this experience: knowledge, work, projects, responsibility. Expertise developed and grew.

And this is exactly where the connection becomes visible to me.

Because equality does not only mean that women are heard.
It also means that we trust them to be more than the role in which we first met them.

And yet something interesting happens.
People often reach first for the category they already know. And just like that, the expert becomes “the patient” again.

And there is something else. These boxes do not only come from one direction.
Sometimes they also come from women. From those who know you and know that you have long outgrown that first role, that you have developed further.

Maybe this happens because we have all learned to categorize people quickly. Maybe also because change can be uncomfortable – especially when someone leaves a role in which we have seen them for a long time.

Experience and expertise do not exclude each other. On the contrary: they can strengthen one another.

My patient experience is my foundation. It reminds me why I do what I do and for whom I work. But it is not the limit of my work.

Maybe, on International Women’s Day, we should not only talk about the fact that women need to be heard more.

We should also talk about which women we actually accept as experts – and whether we trust them to be more than the role in which we once got to know them.

Because equality is not decided on one single day of the year.

It is decided on the other 364 days – when we decide who we listen to, whose voice carries weight, and how we categorize the person in front of us. In the end, it will be about whether we are willing to change that categorization. Because the person has changed. Maybe our understanding of “roles” needs to go far beyond what we are used to – and we need to start valuing people instead of only seeing their first role. Even if that feels uncomfortable at first.



Text: Birgit Bauer 

Bild: Pixabay.com 

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