Mittwoch, 17. November 2021

Depressionen und MS - wir müssen drüber reden!

Depressionen sind in unserer Gesellschaft irgendwie scheinbar nicht angekommen. Wie MS. Das haben die beiden gemeinsam. 

Was Depressionen und MS noch gemeinsam haben ist, dass sie oft miteinander da sind, einen Menschen einfangen und nicht mehr loslassen. Unsichtbar aber kraftvoll sind beide und überwältigend und total lahm legend auch. 

Das Gefühl, wenn es um einen dunkel wird, wenn der Himmel trotz Sonnenschein grau wirkt und selbst das Süße im Essen fade schmeckt, wenn man keinen Bock mehr auf das hat, wozu man sonst jede Menge Bock hat, dann sollte man drüber nachdenken. 

Auch ich bin zeitweise davon betroffen. Ich bin, so sagt mein Arzt "verstimmt" und fühle mich dann oft, als würde ich durch einen wabernden, grauen Nebel latschen, der kein Ende nimmt. Es ist ein bisschen wie an diesen grauen Herbsttagen. Neblig, mit Niesel, graukalt und düster. Nur, dass auch im Sommer Herbst sein kann. Manchmal auch eiskalter Winter. Bei 30 Grad und Sonnenschein. 

Als ich neulich einen Artikel darüber gelesen habe, dass eben Depressionen das Risiko für vaskuläre (Gefäßerkrankungen) Krankheiten um 30% erhöhen, dachte ich, dass das schlicht fatal ist für uns die wir mit MS leben. Denn Depressionen betreffen viele von uns. Den Artikel findet man hier: https://www.medical-tribune.de/medizin-und-forschung/artikel/fatale-komorbiditaet-bei-multipler-sklerose/ 

Es geht um eine Studie, die am Imperial College of London durchgeführt wurde, um herauszufinden, ob die angenommene These, dass bei Depressionen eben das Risiko für vaskuläre Erkrankungen (Gefäßerkrankungen) höher ist, auch für Menschen mit MS zutrifft. Das Ergebnis ist grob gesagt, dass Menschen mit MS häufiger vaskuläre Erkrankungen entwickeln als Kontrollgruppen ohne Depressionen. Auch das Mortalitätsrisiko (Sterberisiko) stieg bei Menschen mit MS mit Depressionen.

Neben einigen anderen Fakten ist eine Aussage der Studie ganz wichtig, finde ich: 

"Diese Ergebnisse verdeutlichen u.a. die Therapierelevanz von Depressionen bei MS-Patienten, so die Autoren."

Sagt mir nicht anderes, als dass die Relevanz einer Psychotherapie mehr als gegeben ist. Und zwar vom ersten Tag an. 

Während bei anderen Erkrankungen oft zügig Sozialarbeiter oder Therapeuten am Bett stehen und zwar justament nach der Diagnose, wird es bei Menschen mit MS und wahrscheinlich auch vielen anderen Erkrankungen oft versäumt, mit der Diagnose auch das Angebot für psychologische Unterstützung zu machen. Ich weiß das, weil ich damals bei meiner Diagnose nach fünf Minuten mit dem Neurologen allein gelassen wurde, während meine Bettnachbarin im selben Moment mitgeteilt bekam, dass sie HIV positiv sei und sofort Sozialarbeiter und Psychologen da waren und ihr über den ersten Schock hinweg halfen.

Mich hat man damals in fünf Minuten über meine Diagnose aufgeklärt und das wars. Dann war ich allein. Kein Arzt hat mir vorgeschlagen, mir zu überlegen ob eine Therapie hilfreich für mich wäre. Ich machte es trotzdem, weil ich eine Therapeutin kannte und ihr vertraute. Ich kannte sie aus meiner Zeit als IVF Patientin und wandte mich an sie. Aber wie gesagt, vorgeschlagen wurde mir das nie. 

Es ist bis heute so, dass ich immer wieder von Menschen, die gerade die Diagnose erhalten habe, dass diesbezüglich keinerlei Informationen kamen. Gott sei Dank sind die Menschen heute aktiver, informierter und suchen sich Wege und das hat wohl einige auch vorm totalen Absturz bewahrt. Viele kommen auch zu mir und zu anderen Menschen mit MS und fragen, was wir gemacht haben. 


Ich finde es so wichtig, dass wir uns endlich offen und ehrlich über Depressionen unterhalten. 

Zum einen, weil ich immer noch üble Vorurteile höre, wenn es um Psychotherapie geht, zum anderen, weil Depressionen viele Menschen betreffen, auch solche, die gerade eine andere, schreckliche Diagnose erhalten haben und aus der Bahn geworfen wurden. 

Man wird nicht verrückt, man ist krank. Unsichtbar. Und viel zu oft reden wir nicht drüber. In der Gesellschaft ist Depression ein Fall von #butyoudontlooksick. Genauso wie MS und das ist nicht gut. Weil beides keine Schande ist. Und keiner sucht es sich ja aus. 

Und wenn wir, die wir daran erkrankt sind lernen, damit umzugehen, könnte man erwarten, dass andere, Gesunde, das auch schaffen. Normal mit Depressionen umzugehen heißt eben, da zu sein, nicht "Warum?" zu fragen, weil das kein Mensch beantworten kann. Es geht darum dafür zu sorgen, dass diese eine Seele, die gerade grauer nicht sein könnte, sich aufgehobener fühlt. Nicht allein ist und nicht im stillen Kämmerlein lustlos abhängt, sondern aufgefangen und einen Moment getragen wird. Oder zwei. 

Therapie ist wichtig und muss zügig geschehen. Depressionen warten nicht! 

Es ist so  wichtig, dass wir in unserem Gesundheitssystem endlich dafür sorgen, dass genügend Plätze geschaffen werden, um zügig eine Therapie beginnen zu können. 

Gerade in den letzten Jahren wurde mir so oft berichtet, dass man ewige Wartezeiten in Kauf nehmen müsse, um überhaupt einen Termin zu kriegen. Aber hey, die nackerte Wahrheit ist: Depressionen warten nicht. Sie überfallen einen. So wie die MS, wenn ein Schub kommt. Der wartet auch nicht, bis man beim Arzt war. Etwas, was noch so eine Gemeinsamkeit ist. 

Für mich beginnt gute Gesundheitsversorgung dort, wo man aufklärt, offen kommuniziert und drüber spricht, um Vorurteile abzubauen und Missinterpretationen zu reduzieren. Es ist der Ort, an dem ich offen darüber sprechen kann, verstanden werde. Egal von wem. Und sie geht mit verfügbaren Therapieplätzen weiter, mit entsprechenden, leicht zugänglichen Angeboten weiter, die helfen, mit dem Geist der Depression fertig zu werden. 

Wie gesagt, Depressionen kommen, keiner kann was dafür und keiner sucht sich das aus. Genauso wenig wie die MS. Und die vorliegende Studie sagt klar, was wir brauchen: Verfügbarkeit, Information und Unterstützung. Sofort. Nicht später. Um Risiken zu minimieren und Leben lebenswert zu machen. 

Meine Meinung,

Birgit 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen